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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

n

Als Premierminister während

der Fukushima-Krise

Das ist zweifelsohne der Albtraum

jeder politischen Führungspersön-

lichkeit: ein Nuklearunfall im ei-

genen Land. Naoto Kan hat diesen

Albtraum im Jahr 2011 durchlebt.

Er ruft mit diesem Buch seine

Erinnerungen an den Unfall von

Fukushima wach und zieht zugleich

seine politischen Schlüsse aus den

gewonnenen Erfahrungen.

Besonders interessant ist der

Umstand, dass Kan ein Physikstudi-

um an der Technischen Hochschule

Tokio absolviert hat. Dennoch ist

sein Buch nicht als technischer

Bericht zu verstehen. Kan stellt

gleich zu Beginn klar, trotz Physik-

studiums kein Kernkraftexperte zu

sein. Wer sich also zahllose Insider-

einblicke in technische Details des

Unfalls erhofft, dürfte von diesem

Buch vielleicht enttäuscht werden.

Dies ist nicht der Anspruch des

ehemaligen Premierministers.

Prof. Dr. Georg

Steinhauser

, Institut

für Radioökologie

und Strahlenschutz,

Leibniz Universität

Hannover

Kan legt in seinem durchaus span-

nenden Buch vielmehr Rechen-

schaft über seine politischen Ent-

scheidungen ab.

Im ersten Teil erinnert er sich in

ein- bis zweiseitigen tagebuchar-

tigen Einträgen (Kurzkapiteln) an

die Tage und Herausforderungen

unmittelbar nach dem Unfall. Im

zweiten Teil beleuchtet er die politi-

schen Schlussfolgerungen aus dem

Unfall, die Anordnung von Stress-

tests, den angestrebten Ausstieg

aus der Kernenergie, politischen

Gegenwind sowie die Umstände

seines Rücktritts. Im letzten, ver-

gleichsweise kurzen Kapitel befasst

sich Kan mit sozialpolitischen He-

rausforderungen und seiner neuen

energiepolitischen Mission, die er

seit dem Rücktritt verfolgt.

Er gibt unumwunden zu, seine

Einstellung zur Kernkraft durch

den Unfall um 180 Grad gedreht zu

haben. An mehreren Stellen steht

sein Buch daher auch als Recht-

fertigung für sein neues energie-

politisches Bekenntnis. Dabei gibt

Kan immer wieder glaubwürdige

Einblicke in seine Gemütslage und

wählt drastische Worte („es lief mir

eiskalt den Rücken herunter“), mit

denen er seinen „Albtraum“ und

seine Angst vor dem vollständigen

Kontrollverlust im Kernkraft-

werk Fukushima und die daraus

folgende Existenzbedrohung Ost-

japans beschreibt. Wenn er jedoch

schlussfolgert, Japan sei durch die

jahrzehntelange Annahme, ein

Naoto Kan: Als

Premierminister

während der

Fukushima-Krise

Übersetzt von

Frank Rövekamp,

IUDICIUM-Verlag,

München, 2015,

165 S., brosch.,

14,80 Euro

ISBN 9783862054268

Ernst Mach, der vor hundert Jahren am

19. Februar 1916 starb, gehört sicher

zu den prägenden Wegbereitern des

modernen, naturwissenschaftlich ge-

prägten Weltbildes. Er leistete nicht nur

als Physiker Außerordentliches, son-

dern auch als Philosoph und Wissen-

schaftstheoretiker und übte großen

Einfluss auf Zeitgenossen wie Albert

Einstein oder Henri Poincaré aus.

Mach wurde bereits zu Lebzeiten zu

einem viel diskutierten und aner-

kannten Philosophen, auch wenn er

selbst bestritt, eine „neue“ Philosophie

postuliert zu haben. Er gilt aber als Mit-

begründer der empiristischen Erkennt-

nislehre bzw. Wissenschaftsauffass-

sung. Im Bereich der Psychologie hat er

sich als Wegbereiter der Gestaltpsycho-

logie bzw. Gestalttheorie einen Namen

gemacht.

Seit 2008 erscheinen im xenomoi-

Verlag die Bände einer Studienausgabe,

die bis auf wenige Dopplungen in den

Veröffentlichungen und bis auf die wis-

senschaftlich irrelevanten Schriften alle

von Mach publizierten Texte umfassen

soll, auf Grundlage der jeweils maß-

geblichen Auflage. Jeder Band enthält

eine ausführliche Einleitung und An-

merkungen. Bislang sind folgende Bän-

de erschienen: „Die Analyse der Empfin-

dungen und das Verhältnis des Phy-

sischen zum Psychischen“, „Erkenntnis

und Irrtum“, „Die Mechanik in ihrer Ent-

wickelung“ und „Populärwissenschaft-

liche Vorlesungen“. Das gesamte Vor-

haben wird von einem internationalen

Herausgeber-Komitee begleitet.

Mehr Informationen zum Editionsplan

und den erschienenen Bänden finden

sich auf

www.xenomoi.de/philosophie/

mach-ernst

.

E R N S T - M A C H - S T U D I E N A U S G A B E

schwerer Unfall sei ausgeschlossen,

so verblendet gewesen, dass man

tatsächlich „auf nichts vorbereitet“

gewesen sei, stellt sich die Frage

nach der Glaubwürdigkeit einer

solchen Aussage. Spiegeln State-

ments wie dieses Kans tatsächliche

Empfindung wider oder sind sie

doch eher seiner neuen energiepoli-

tischen Überzeugung geschuldet?

Man mag angesichts der unbe-

streitbaren Leistungen und An-

strengungen Japans in den Tagen

und Wochen nach dem Unfall an-

derer Meinung sein. Kans radikale

neue Einstellung zur Kernenergie

führt mitunter zu überaus kontro-

versen Mutmaßungen; etwa, dass

seiner Meinung nach die Kernkraft

für den Untergang der Menschheit

verantwortlich sein könnte. Man

möge ihm jedoch zugestehen, dass

seine Sichtweise das Resultat eines

wochenlangen, nicht endenwol-

lenden Gefühls der Ohnmacht ist.

Letztlich verdankt Japan Naoto

Kan, dass er das Land aus der größ-

ten Katastrophe seiner jüngeren

Geschichte geführt hat.

Georg Steinhauser

n

Der lange Schatten von

Tschernobyl

Der renommierte Fotograf Gerd

Ludwig hat Tschernobyl seit 1993

neun Mal besucht. Dabei hat er sich

weiter als jeder andere Fotograf in