M E N S C H E N
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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3
© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
Was können Sie davon Ihren
Schülern mitgeben?
Häufig glauben Schüler, Wissen-
schaft bestünde aus großen punk-
tuellen Entdeckungen. Aber For-
schung besteht imWesentlichen
darin, Gesetze aus kleinen Puzzle-
stücken zusammenzusetzen oder
immer mehr Daten zu sammeln
und statistisch auszuwerten. Ich
möchte den Schülern vermitteln:
Selbst wenn sie später Forschung
betreiben, werden sie allein die
Weltformel kaum entdecken.
Mit Bernd Rohwedder sprach
Maike Pfalz
An dieser Stelle
beleuchten wir
regelmäßig die
vielfältigen Tätig-
keiten und Talente
von DPG-Mitglie-
dern.
Die Redaktion
Dr. Bernd Rohwedder (48) ist Phy-
siklehrer am Carl-Bosch-Gymna-
sium in Ludwigshafen und hat als
deutscher SOFIA Botschafter zwei
Flüge an Bord des Stratosphären-
Observatoriums für Infrarot-Astro-
nomie (SOFIA) erlebt.
Woher kam die Idee, sich für
einen Mitflug zu bewerben?
Meine Schule ist Partnerschule
vom Deutschen SOFIA Institut der
Universität Stuttgart, und einige
Kollegen sind schon mitgeflogen,
deswegen lag die Idee nahe. Für den
Mitflug bewerben können sich aber
Lehrer von allen Schulen.
#)
Dafür brauchten Sie ein eigenes
Unterrichtskonzept, oder?
Genau, meins hatte ich an die
5. und 6. Klasse angepasst. Im Fach
Naturwissenschaften behandeln wir
die Sinne und speziell das Auge. An
dem kann man gut die Beschrän-
kungen unserer Sinne zeigen.
Wilhelm Herschels Entdeckung
der Infrarotstrahlung von 1800 hat
erstmals gezeigt, dass es Realitäten
gibt, die jenseits dessen liegen,
was ein Mensch mit seinen Sinnen
wahrnehmen kann.
Gab es auch ein Konzept für die
Mittel- und Oberstufe?
Ja. In der Mittelstufe kann man
Infrarotstrahlung erklären. In der
9. Klasse behandele ich zudem die
Entwicklung von Sternen, was ein
wichtiges Forschungsthema bei
SOFIA ist. In der Oberstufe geht es
um die Montage und Stabilisierung
des Teleskops oder um Spektren.
Waren Sie gut vorbereitet auf
den Flug?
Sehr gut sogar. Andere Lehrer
haben mir viel von ihren Flügen
erzählt. Und das Deutsche SOFIA
Institut organisiert Monate vorher
Treffen, um zu erklären, welches
Beobachtungsgerät zum Einsatz
kommen wird, was wir zu erwarten
haben und welche Anforderungen
wir erfüllen müssen, um mitfliegen
zu dürfen. Beispielsweise müs-
sen wir Englisch können, um die
Kommandos der NASA-Leute zu
verstehen.
Warum?
Die sind sehr streng. Uns wurde
klipp und klar gesagt, dass wir
Regeln ohne Rückfrage einhalten
müssen, damit wir den Ablauf nicht
stören. Auf der anderen Seite sind
sie extrem freundlich und hilfs-
bereit.
Was hat Sie beeindruckt?
Neben der perfekten Organisation
durch die NASA vor allem das Te-
leskop. Man sieht es wackeln, muss
sich aber vor Augen führen, dass
nicht das Teleskop wackelt, sondern
das Flugzeug drumherum. Das Te-
leskop bleibt auf eine Bogensekun-
de genau stabilisiert.
Ein tolles Erlebnis, wenn man
mitfliegen darf…
Ich empfinde das als großes Privi-
leg. Ins Flugzeug passen 30 Per-
sonen, davon höchstens zehn
Besucher. Als Wissenschaftler hätte
ich die Chance vielleicht nicht be-
kommen.
Wie waren die Reaktionen der
Schüler nach Ihrer Rückkehr?
Mit meinem blauen NASA-Overall
war ich in der Klasse der Held. Ich
wurde gleich am ersten Tag ausge-
quetscht. Da war ich so müde, dass
ich diese Erlebnisse noch gar nicht
verarbeitet hatte.
Wovon profitiert der Unterricht
am meisten?
Von der Unmittelbarkeit. Ich hätte
das alles auch im Film sehen und
darüber reden können. Aber es ist
natürlich etwas anderes, wenn man
in diesem Film mitgespielt hat.
■
„Mit meinem blauen NASA-Overall war ich der Held!“
#)
Infos zum Mitflug-
programm unter www.
dsi.uni-stuttgart.de/
SGAP. Zum Flug mit
SOFIA vgl. auch Physik
Journal, Juli 2015, S. 24
Zusammen mit drei anderen Lehrern flog Bernd Rohwedder (rechts) zweimal
mit SOFIA.
DSI
Das Stratosphären-Observatorium für
Infrarot-Astronomie SOFIA ist ein
Gemeinschaftsprojekt des Deutschen
Zentrums für Luft- und Raumfahrt
e.V. (DLR) und der NASA. Die Mittel
für den Betrieb stammen vom Bun-
desministerium für Wirtschaft und
Energie, vom Land Baden-Württem-
berg und von der Universität Stutt-
gart. Den wissenschaftlichen Betrieb
koordiniert auf deutscher Seite das
Deutsche SOFIA Institut (DSI) der Uni-
versität Stuttgart, auf amerikanischer
Seite die Universities Space Research
Association. Die Entwicklung der
deutschen Instrumente wird finan-
ziert von der Max-Planck-Gesellschaft
(MPG), der Deutschen Forschungs-
gemeinschaft (DFG) und vom DLR.
S O F I A




