S C HW E R P U N K T
© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
Physik Journal 15 (2016) Nr. 3
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zurückkehrten, mit den Folgen besser zurecht kamen.
Daher ist es wichtig, die kontaminierten Gebiete be-
züglich einer möglichen Rückkehr und erneuter Nut-
zung kontinuierlich zu beobachten und zu evaluieren.
Aktuelle Kontaminationen und Besiedelung
Die betroffenen Ökosysteme werden seit dem Unfall
routinemäßig engmaschig überwacht und studiert. Das
radiologisch sehr gefährliche
131
I ist aufgrund seiner
kurzen Halbwertszeit bereits vollständig abgeklungen.
Die Isotope
90
Sr (
T
1/2
= 28,6 a) und
137
Cs (
T
1/2
= 30,2 a)
werden noch über viele Jahrzehnte eine Gefahr darstel-
len. Die Aktivitäten dieser Nuklide sinken ebenfalls,
nicht nur durch den radioaktiven Zerfall, sondern
auch durch Transport und Sedimentation (
Abb. 1)
. Auch
in Belarus geht der Anteil der Staatsfläche, die mit
Depositionsdichten von über 37 kBq/m
2
durch
137
Cs
kontaminiert ist, kontinuierlich zurück von 23 Prozent
im Jahr 1986 auf heute 16 Prozent und voraussichtlich
zehn Prozent bis 2046
[8]
.
Die im näheren Umkreis um das Kraftwerk de-
ponierten Partikel (so genannte „hot particles“) ver-
wittern. Das führt zu einer anhaltenden Freisetzung
von z. B.
90
Sr über die nächsten zehn bis zwanzig Jahre
[9, 10]
. Noch länger werden die Actiniden eine Rolle
spielen. Zwar ist zurzeit der Beitrag der Plutonium-Iso-
tope zur radiologischen Gefährdung im Vergleich zu
137
Cs gering. Da diese Isotope aber noch über Tausende
von Jahren vorhanden sein werden und durch den
Beta-Zerfall des
241
Pu weiterhin
241
Am gebildet wird, ist
das Maximum dieser Aktivität erst Mitte dieses Jahr-
hunderts zu erwarten.
In den Gebieten der früheren UdSSR war es nö-
tig, etwa 8000 km
2
Fläche für die landwirtschaftliche
Nutzung zu sperren (Ukraine: 2500 km
2
). Außerdem
gingen der Forstwirtschaft knapp 7000 km
2
Wald (Uk-
raine: knapp 3000 km
2
) verloren
[11]
. Bis heute liegen
diese Flächen brach. Lediglich Vorsorgemaßnahmen
wie das Mähen von Wiesen, Aufforstung und die
Errichtung von Brandschutzfluren umWaldgebiete
wurden durchgeführt, insbesondere um das erneute
Aufwirbeln und damit eine weitere Verteilung konta-
minierten Materials zu verhindern.
Die Ukraine ist nach wie vor in drei Zonen der
Kontamination unterteilt (
Abb. 2
). Die innerste und am
höchsten kontaminierte Zone ist die Chernobyl Exclu-
sion Zone (CEZ) mit etwa 2200 km
2
Fläche. Im Süden
der CEZ leben permanent 172 Personen (142 Personen
in der Stadt Tschernobyl). Bereits 1987 begannen Be-
wohner, in die CEZ zurückzukehren. Die Population
erreichte von 1987 bis 1988 mit rund 1200 Personen das
Maximum und sank seitdem kontinuierlich aufgrund
der Altersentwicklung: Das Durchschnittsalter in der
CEZ liegt heute bei 63 Jahren. An die CEZ schließt sich
Zone 2 mit 2230 km
2
an. Hier lebten 1991 rund 50 000
Personen. Ab 1992 wurden 35 500 von ihnen umge-
siedelt. Zone 3 umfasst 23 300 km
2
und beinhaltet 841
Städte und Gemeinden, in denen Anfang 2012 etwa
619 500 Personen lebten.
Um die Möglichkeiten der künftigen Landnutzung
zu beurteilen, sind einige Prozesse zu betrachten, wel-
che die Kontamination beeinflussen. Dazu gehören
Abb. 1
Ein Vergleich der Kontamination mit dem Radionuklid
137
Cs in der Ukraine von 1986 mit der Prognose für 2036 zeigt,
dass die Aktivität in den betroffenen Gebieten deutlich zu-
rückgehen wird.
137
Cs
1986
2036
kBq/m
2
555 185 100 40 20 10 4 2
1460
aus [7]
Abb. 2
Die kontaminierten Gebiete in
der Ukraine sind in drei Zonen eingeteilt:
die sog. Chernobyl Exclusion Zone (rot),
Zone 2 mit einer Kontamination durch
137
Cs von über 555 kBq/m
2
(rosa) und Zo-
ne 3 (185 bis 555 kBq/m
2
, orange). Dane-
ben wird die vormalige Zone 4 radio-
ökologisch überwacht (gelb).
aus [7]




