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© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 1617-9439/16/0303-39

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

39

S C HW E R P U N K T

Knapp 25 Jahre nach Tschernobyl ereignete sich in

Japan infolge eines schweren Erdbebens mit anschlie-

ßendem Tsunami ein schwerer Nuklearunfall. Die

radioaktiven Auswirkungen von Fukushima lassen

sich jedoch nicht annähernd mit denen von Tscher-

nobyl vergleichen. Heute gibt es in Japan zahlreiche

Programme, um die Folgen der Nuklearkatastrophe

genau zu charakterisieren und zu reduzieren.

D

as schwerste Erdbeben seit Beginn der japa-

nischen Geschichtsschreibung (Momenten-

Magnitude 9,0 M

W

) und ein gigantischer Tsu-

nami verursachten am 11. März 2011 an der Ostküste

der japanischen Hauptinsel Honshu Verwüstungen

unvorstellbaren Ausmaßes. Die Flutwelle drang bis zu

zehn Kilometer ins Landesinnere und zerstörte alles,

was sich ihr in den Weg stellte. Ein Jahr nach der Kata-

strophe lag die Zahl der Toten bei 15 854, weitere 3155

galten als vermisst. Die Überflutungen zerstörten auch

die Notkühlsysteme des Kernkraftwerks Fukushima

Daiichi. Drei der sechs Blöcke (

Abb. 1

) des Kernkraft-

werks waren zum Zeitpunkt des Erdbebens in Betrieb,

wurden aber bei den ersten seismischen Anzeichen

für ein Erdbeben dieser Größenordnung automatisch

heruntergefahren. Durch den Tsunami, der das Kraft-

werksgelände knapp eine Stunde nach dem Erdbeben

erreichte, kam es zur Zerstörung der Dieselgenera-

toren und zum Ausfall aller Nebenwasserkühlsysteme.

Bedingt durch die Nachzerfallswärme insbesondere

der kurzlebigen Spaltprodukte folgten Kernschmel-

zen in den drei Reaktoren, und zwar schneller als

ursprünglich angenommen, wie aktuelle Arbeiten

zeigen

[1]

. Ein Vorbeben vom 9. März mit einer Ma-

gnitude von 7,3 M

W

war nicht stark genug, um die

automatische Reaktorschnellabschaltung zu initiieren.

Vermutlich hätte es sich auf den Unfallablauf positiv

ausgewirkt, wären die Reaktoren zum Zeitpunkt des

Kühlungsausfalls bereits zweieinhalb Tage „vorge-

kühlt“ gewesen.

Durch die hohen Temperaturen der Brennstäbe

reagierte Wasserdampf mit der Zirkoniumlegierung

der Hüllrohre und erzeugte beträchtliche Mengen

Wasserstoff. Im Zuge des „Ventings“, also des Ablas-

sens von Überdruck aus den Druckbehältern, entwich

der Wasserstoff in den Servicebereich oberhalb der

Reaktoren der Blöcke 1 und 3 und gelangte dort zur

Explosion. Die Detonation in Block 3 war so heftig,

dass japanische Behörden zunächst sogar eine nuklear

getriebene Explosion nicht ausschließen wollten. Die

Explosion in Block 4 war zunächst eine große Über-

raschung, da der Druckbehälter zum Zeitpunkt des

Unfalls leergeräumt war und sich der gesamte Brenn-

stoff in den Lagerbecken befand. Die Vorstellung, dass

es dort zu Schmelzvorgängen an den Brennelementen

und folglich auch Wasserstoffentwicklung gekommen

war, löste große Nervosität aus. Jedoch zeigte sich, dass

der für die Zerstörung des Blocks 4 verantwortliche

Wasserstoff aus Block 3 stammte und durch gemein-

same Rohrleitungen zum Abgaskamin in Block 4

Fukushima – fünf Jahre danach

Die radioökologische Perspektive der Nuklidfreisetzungen

und der Strahlenbelastung von Lebensmitteln

Georg Steinhauser und Akio Koizumi

R E A K T O R U N F Ä L L E

K O M PA K T

n

Im März 2011 kam es im japanischen Kernkraftwerk

Fukushima Daiichi zu Kernschmelzen in drei Blöcken.

n

Der Großteil der Kontamination durch Radionuklide

kam durch Regen vier Tage nach dem Tsunami zustan-

de und ist auf einen 40 km langen Streifen begrenzt.

n

Mit dem Unfall von Tschernobyl ist der in Japan in

puncto Radionuklid-Freisetzungen und gesundheitliche

Auswirkungen nicht vergleichbar.

n

Die Auswirkungen des japanischen „3/11“ sind häufig

psychische und soziale Folgen des Traumas, der Stigma-

tisierung und des Verlusts von Menschen, Heimat und

Arbeitsplatz.

Prof. Dr. Georg

Steinhauser

, Institut

für Radioökologie

und Strahlenschutz,

Leibniz Universität

Hannover;

Prof. Dr.

Akio Koizumi

, De-

partment of Health

and Environmental

Sciences, Kyoto

University Graduate

School of Medicine,

Japan

Thomas Johnson

Die Zerstörungen

durch den Tsuna-

mi sind in der

Sperrzone bis heu-

te zu erkennen.