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S C HW E R P U N K T

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

41

dem Reaktor abzufangen. Weitere Brunnen unterhalb

sollen höher kontaminiertes Grundwasser davon ab-

halten, weiter in den Pazifik zu sickern.

Charakteristische Signatur

Anders als im Fall von Tschernobyl, wo eine nuklear

getriebene Leistungsexkursion den Reaktor thermisch

zerstörte und freilegte, beschränken sich die Freiset-

zungen in Fukushima zum überwiegenden Teil auf die

Radionuklide leichtflüchtiger Elemente.

1)

Das sind ei-

nerseits die Edelgase Xenon und Krypton, andererseits

Iod, Cäsium und Tellur. Sowohl mittelflüchtige Radio-

nuklide wie

90

Sr als auch schwerflüchtige Actinide wie

Plutonium ließen sich in der Umwelt zwar nachweisen,

wohl aber zu einem sehr viel geringeren Ausmaß als

nach dem Unfall von Tschernobyl (

Abb. 3

).

In Umweltproben lässt sich der Beitrag von Fukus-

hima von anderen Quellen anthropogener Radio-

nuklide derzeit noch relativ leicht durch die Anwe-

senheit des Gammastrahlers

134

Cs unterscheiden.

Dieses relativ kurzlebige Reaktornuklid mit einer

Halbwertszeit von zwei Jahren kommt im Kernwaffen-

fallout nicht vor. Radiocäsium aus Fukushima ist ge-

kennzeichnet durch ein

134

Cs/

137

Cs-Aktivitätsverhältnis

von 0,98±0,01 (zurückgerechnet zum 11. März 2011).

Diese Isotopensignatur hat es erlaubt zu zeigen, dass

aus dem Lagerbecken von Reaktorblock 4 keine signi-

fikanten Mengen Cäsium in die Umwelt entwichen

sind: Da Block 4 zum letzten Mal dreieinhalb Monate

vor dem Unfall in Betrieb war, war der Anteil des

kürzerlebigen

134

Cs im Brennstoff dieses Blocks rund

zehn Prozent niedriger als in den anderen Reaktoren.

Dennoch wurde nirgends Radiocäsium mit dieser

niedrigeren

134

Cs/

137

Cs-Signatur gefunden. Spuren von

Reaktorplutonium tauchten in Umweltproben verein-

zelt auf, meist in Kraftwerksnähe. Das aus Fukushima

stammende Plutonium besitzt ein signifikant höheres

240

Pu/

239

Pu-Atomverhältnis von etwas über 0,3 ver-

glichen mit dem allgegenwärtigen Falloutplutonium

der atmosphärischen Kernwaffenexplosionen von

rund 0,18.

Gesundheitliche Auswirkungen

Noch am Abend des 11. März ordneten die japanischen

Behörden die Evakuierung der Umgebung des Kraft-

werks Fukushima Daiichi in einem Umkreis von

2 km an und weiteten sie in den Stunden und Tagen

darauf kontinuierlich aus. Am 12. März riefen sie um

18:25 Uhr die Evakuierung in einem Radius von 20 km

aus. Am 15. März – dem Tag der größten Freisetzungen

– durften darüber hinaus Personen, die 20 bis 30 km

vom Kraftwerk entfernt wohnen, ihre Häuser nicht

verlassen. Die Behörden haben angesichts des Chaos

und der zerstörten Infrastruktur an der Ostküste vor-

bildlich gehandelt und insgesamt 110 000 Personen

evakuiert. Durch den raschen Einsatz konnte der

Großteil der Bevölkerung noch vor den größten Radio-

nuklidfreisetzungen die Gefahrenzone verlassen.

Gleichzeitig mit der Evakuierung wurde die

Ausgabe von Iodidtabletten und -pulver für rund

900 000 Personen vorbereitet. Bedingt durch die kurze

Halbwertszeit von acht Tagen hat

131

Iod eine sehr hohe

spezifische Aktivität und reichert sich hochselektiv in

der Schilddrüse an. Ein Sättigen der Schilddrüse mit

stabilem Iod kann dies verhindern und die Schild-

drüsendosis beträchtlich reduzieren. Durch die effi-

ziente Evakuierung war diese „Iodblockade“ jedoch

nur bei wenigen Betroffenen notwendig, und nur diese

erhielten tatsächlich Iodtabletten verabreicht.

Die gesundheitlichen Auswirkungen des Unfalls von

Fukushima sind selbst bei konservativer Betrachtung –

zumindest im direkten Vergleich mit Tschernobyl – als

moderat einzustufen. Dies mag angesichts der Schwere

Abb. 2

Die Kontaminationen in Ostjapan

sind entlang eines rund 40 Kilometer

langen Streifens in nordwestlicher Rich-

tung am größten. Dort wurden Radionu-

klide am 15. März 2011 durch Regen aus

der Atmosphäre gewaschen.

nach

[3]

, mit freundl. Genehm. der Min. Soc. of America, 2012

Abb. 3

Der Vergleich der Freisetzungen

von Radionukliden nach den Unfällen

von Tschernobyl bzw. Fukushima zeigt

deutlich, dass speziell weniger flüchtige

Nuklide wie

90

Sr in Fukushima nur in sehr

geringer Menge freigesetzt wurden.

0,01

0,1

1

10

100

1000

10 000

100 000

85

Kr

129m

Te

132

Te

133

Xe

131

I

133

I

134

Cs

136

Cs

137

Cs

89

Sr

90

Sr

Tschernobyl

Fukushima

Atmosphärische Freisetzungen in PBq

nach [4]

1)

Leichtflüchtige Ele-

mente gehen bereits bei

geringfügiger Erhitzung

in die Gasphase über.

Mittelflüchtige Elemente

werden freigesetzt, so-

bald der Brennstoff an-

fängt, thermischen Scha-

den zu nehmen. Schwer-

flüchtige Radionuklide

werden erst bei Kern-

schmelze in die Gaspha-

se überführt.