G E S C H I C H T E
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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3
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Newton setzte für die ersten bei
den seiner Axiome einen „absolu
ten Raum“ voraus. Das erste Axiom
stellt das Phänomen der Trägheit
fest, während das zweite Kräfte als
Ursachen von Impulsänderungen
identifiziert. Bei Verzicht auf den
absoluten Raum muss man an
seiner Stelle bevorzugte Bezugs
systeme einführen, die Inertial
systeme. Ihre Definition erfordert
große Sorgfalt, um experimentell
belegbar, dabei aber nicht zyklisch
zu werden. Erst die Allgemeine
Relativitätstheorie lieferte eine
befriedigende Alternative.
D
as Trägheitsgesetz, das so
grundlegend in die klassische
Mechanik eingeht, ist erstaunlich
schwer auf eine logisch befriedigen-
de Weise zu fassen und wird auch
in Lehrbüchern häufig unzurei-
chend dargestellt. Schon die Entde-
ckung des Trägheitsgesetzes war ein
mühsamer und langwieriger Pro-
zess. Im alten Griechenland stellte
man sich die Frage, ob es in der
Natur besonders ausgezeichnete,
„natürliche“ Bewegungsformen von
materiellen Körpern gebe. Man ver-
mutete diese meist in Kreisbahnen,
angelehnt an die scheinbaren Be-
wegungen der Himmelskörper. Ab
dem 16. Jahrhundert analysierten
vor allem italienische Philosophen
und Physiker auch geradlinig-
gleichförmige Bewegungen im
Hinblick auf diese Frage. Dabei
waren natürlich die unausweich-
lichen Gravitations- und Reibungs-
effekte in irdischen Laboren die
wesentlichen Hindernisse. Galileo
Galilei hat sich nach 1610 immer
wieder und anhand verschiedenster
Beispiele intensiv mit dieser Frage
befasst und im 1632 veröffent-
lichten „Dialog über die beiden
hauptsächlichsten Weltsysteme“
Formulierungen gefunden, die als
erster Schritt zur Erkenntnis eines
allgemeinen Trägheitsgesetzes gel-
ten können. So lässt er sein
alter
ego
, Salviati, am 2. Tag des Dialogs
sagen, ein Schiff sei „daher bestrebt,
nach Entfernung aller zufälligen
und äußerlichen Hindernisse, mit
der ihm einmal mitgeteilten An-
fangsgeschwindigkeit unablässig
und gleichförmig sich fortzube-
wegen.“ (
[1]
, S. 155)
In der Folgezeit haben vor allem
Descartes und Huygens das Träg-
heitsgesetz konkretisiert und die
Vermutung geäußert, dass es sich
um ein universelles Prinzip der
Physik handele. Die explizite For-
mulierung des Trägheitsgesetzes als
ein allgemeines und fundamentales
Prinzip der Physik verdanken wir
Isaac Newton, der 1687 in den
Prin-
cipia
als Gesetz I feststellte: „Jeder
Körper verharrt in seinem Zustand
des Ruhens oder des Sich-geradli-
nig-gleichförmig Bewegens, außer
insoweit wie jener von eingeprägten
Kräften gezwungen wird, seinen
Zustand zu verändern.“ (
[2]
, S. 33)
Dieses Gesetz ist fast zwei Jahr-
hunderte lang imWesentlichen
unverändert überliefert worden.
Zusammen mit den beiden ande-
ren Newtonschen Axiomen hat es
sich in unzähligen Anwendungen
mit beispiellosem Erfolg bewährt.
Trotzdem weist Newtons Formu-
lierung wesentliche Mängel auf: Sie
verrät nicht, bezüglich welcher Be-
zugssysteme das Gesetz gelte – so-
fern man nicht stillschweigend den
im Scholion (
[2]
, S. 28) eingeführten
absoluten Raum zugrunde legt. So
bleibt unklar, dass die eigentliche
Aufgabe von Gesetz I die Einfüh-
rung der Inertialsysteme ist, und
was dabei Definition, was nichttri-
viales Faktum, wenn nicht sogar ein
Wunder der Natur ist. Schließlich
ist in Gesetz I von „eingeprägten
Kräften“ die Rede, die aber erst
in Gesetz II definiert sind, das
schließlich nur in Inertialsystemen
(gemäß Gesetz I) gültig ist. Newton
selbst war sich zumindest pauschal
dieser Mängel bewusst, wenn er
im Vorwort zur
Principia
schreibt:
„Ich möchte dringend darum bit-
ten, daß alles unvoreingenommen
gelesen wird und die Mängel bei
Prof. Dr. Herbert
Pfister
, Institut für
Theoretische Physik,
Universität Tübingen
– Dieser Artikel kann
dank der Mithilfe
von
Prof. Dr. Mat
thias Bartelmann
(Universität Heidel-
berg) und
Prof. Dr.
Markus King
(Hoch-
schule Albstadt-
Sigmaringen) nach
Herbert Pfisters Tod
erscheinen (Nachruf
siehe Physik Journal,
Januar 2016, S. 49).
Diese beiden Sei-
ten aus Newtons
Principia Mathe-
matica
von 1687
enthalten die drei
fundamentalen
Axiome der Bewe-
gung.
Lange nach Newton
Das schwer fassbare, aber außerordentlich reichhaltige Trägheitsgesetz
Herbert Pfister
Newton, Isaac, Samuel Pepys, and Joseph Streater. 1687. Philosophiae naturalis principia mathemati-
ca. Londini: Jussu Societatis Regiae ac Typis Josephi Streater. John J. Burns Library, Boston College




