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S C HW E R P U N K T

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

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Trauma und Stigmatisierung

Die gravierendsten Auswirkungen des Unfalls von

Fukushima sind nach Ansicht vieler Experten, darun-

ter auch UNSCEAR

[10]

, die psychischen und sozialen

Folgen des Traumas vom März 2011. In diesem Teufels-

kreis paart sich die Angst vor den Folgen der unsicht-

baren Strahlung mit der Stigmatisierung, aus einem

„verseuchten“ Teil Japans zu stammen. Hinzu kommen

der Verlust von Familienmitgliedern, Freunden und

Nachbarn durch den Tsunami sowie der Verlust des

eigenen Wohnsitzes und des Arbeitsplatzes durch die

Evakuierung und die wirtschaftliche Misere der Re-

gion. Die Folgen sind vielfach Depression und soziale

Isolation. Fukushima war bis zum Unfall ein beliebtes

Erholungsgebiet für die Großstadtbewohner Japans,

doch der Tourismus ist seit 2011 nicht wieder gänzlich

in Schwung gekommen. Landwirtschaftliche Produkte

aus der Präfektur Fukushima finden selbst innerhalb

Japans immer weniger Käufer. Diesem unbegründeten

Trend sollen „Solidaritäts-Supermärkte“ entgegen-

wirken, in denen es ausschließlich Produkte aus Fuku-

shima zu kaufen gibt (

Abb. 4

).

Viele japanische Eltern lassen ihre Kinder aus Sorge

vor der Strahlung nicht mehr ins Freie und suchen In-

door-Spielplätze auf. Generell sind Indoor-Aktivitäten

beliebter als jene im Freien (

Abb. 5

). Amerikanisches

Fast Food hat Hochsaison, da es höhere Sicherheit sug-

geriert. Der Mangel an Bewegung und die veränderten

Lebens- und Essgewohnheiten haben in Fukushima

und insbesondere innerhalb der Gruppe der Evakuier-

ten zu einem schlagartigen Anstieg von Fettleibigkeit

und Übergewicht geführt

[11]

.

Die Bewohner Fukushimas müssen sich großen

Herausforderungen stellen. Viele der Evakuierten

kehren an ihre Wohnorte zurück, obwohl die Arbeits-

marktgegebenheiten, die sozialen Netzwerke und die

soziale Infrastruktur nicht wieder hergestellt sind.

Viele Bewohner empfinden ihr Dasein wie ein Leben

am Filmset: Sie spielen die Rolle als Fukushima-Opfer

und werden dabei beobachtet. Lange wird es noch

dauern, bis das Leben in Fukushima annähernd wieder

die Qualität und Vitalität wie vor „3/11“ erreichen wird.

Die Wissenschaft kann ihren Beitrag dazu leisten,

indem sie unbegründeten Ängsten entgegentritt und

zeitgleich Probleme sachlich aufzeigt. In unserer jüngs-

ten Arbeit konnten wir zeigen, dass die Aufräumarbei-

ten am Kraftwerksgelände die Gefahr der Verfrachtung

von radioaktivem Staub bergen

[12]

. Nicht alles, was

zur Verbesserung der Lage gedacht war, eignet sich in

seiner Umsetzung auch tatsächlich dazu.

Literatur

[1]

M. S. Snow

et al., Rapid Commun. Mass Spectrom.

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, 523

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neral Assembly, Scientific Annex A,

www.unscear.org/docs/re-

ports/2013/13-85418_Report_2013_Annex_A.pdf

[11]

T. Ohira

et al., Am. J. Prev. Med. 2016, in Druck; DOI: 10.1016/j.

amepre.2015.10.008.

[12]

G. Steinhauser

et al., Environ. Sci. Technol.

49

, 14028 (2015)

D I E A U T O R E N

Georg Steinhauser

(FV Umweltphysik,

Strahlen- und Medizinphysik) wurde 2005

an der TU Wien in Radiochemie promo-

viert. 2007 absolvierte er ein Postdoc-Jahr

als Erwin-Schrödinger-Stipendiat an der

LMU München. Nach mehr als zehn Jahren

am Atominstitut der TU Wien wurde er

2013 an die Colorado State University (USA) berufen. 2015

erhielt er einen Ruf an die Universität Hannover. Steinhau-

ser hat mehr als 70 Originalpublikationen und sechs Buch-

beiträge (mit-)verfasst. Seit 2011 beschäftigt er sich vorran-

gig mit den Umweltauswirkungen des Un-

falls von Fukushima.

Akio Koizumi

wurde 1978 in Medizin von

der School of Medicine der Tohoku Univer-

sity promoviert und erhielt 1983 auch den

Philosophical Doctor. Nach einem Studi-

um in den USA wurde er 1987 als Associate

Professor an die School of Medicine der

Akita University berufen. 1993 wurde er zum Full Professor

befördert. 2000 erhielt er den Ruf an die Graduate School

of Medicine der Kyoto University. Seine Arbeitsgruppe wid-

met sich Fragen der Umweltradioaktivität in Fukushima.

Abb. 5

Der Anblick von im Freien spielenden Kindern hat in

der Präfektur Fukushima seit dem Unfall Seltenheitswert.

Georg Steinhauser