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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3
© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
des Unfalls überraschen. Am deutlichsten zeigt sich
der Unterschied beim Vergleich der akuten (determi-
nistischen) Strahlenschäden der Arbeiter vor Ort: In
Tschernobyl wurden 134 Personen mit Symptomen
akuter Strahlenkrankheit diagnostiziert; 31 von ihnen
starben noch 1986 infolge ihrer Exposition; 19 weitere
verstarben zwischen 1986 und 2004. In Fukushima
zeigte kein Arbeiter Anzeichen von Strahlenkrankheit.
Die maximalen Strahlendosen der „Liquidatoren“
in Tschernobyl lagen bei 16 Gray (1 Gy = 1 J/kg). In
Fukushima erhielten zwei Arbeiter Dosen von über
0,6 Sv (1 Sv = 1 J/kg)
2)
. Für die allgemeine Bevölkerung
der Präfektur Fukushima liegt die Strahlenbelastung,
wie Messungen an drei exemplarischen Standorten
gezeigt haben, imWesentlichen innerhalb der Schwan-
kungsbreite der natürlichen Strahlenexposition
[5]
, wo-
bei sowohl externe Exposition als auch Inkorporation
von Radionukliden mit der Nahrung und der Atemluft
berücksichtigt wurden. Die Median der Schilddrüsen-
äquivalentdosen der evakuierten Personen lag ge-
mäß einer Studie von 2012 bei 4,2 mSv (Kinder) bzw.
3,5 mSv (Erwachsene)
[6]
. Die Maximalwerte erreich-
ten dieser Untersuchung zufolge 23 mSv (Kinder) bzw.
33 mSv (Erwachsene). Die mittlere Schilddrüsendosis
der Evakuierten nach dem Tschernobylunglück lag da-
gegen bei 490 mSv.
Alle Expertenberichte der Vereinten Nationen
kamen daher zum Schluss, dass kein statistisch fass-
barer Anstieg der Krebsfälle bedingt durch den Unfall
in Fukushima zu erwarten wäre. Kürzlich kolportierte
Medienberichte über einen „dramatischen“ Anstieg der
Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern und Jugendlichen
in den betroffenen Gebieten haben daher für großes
Aufsehen gesorgt, sind aber mit Vorsicht zu betrach-
ten. Die Erfahrungen nach Tschernobyl zeigten, dass
erste, vereinzelte Fälle von Schilddrüsenkrebs in der
Bevölkerungsgruppe unter 18 Jahren frühestens drei
bis vier Jahre nach der Exposition auftreten. Ange-
sichts der im Schnitt mehr als hundertmal höheren
Organdosis in Tschernobyl lässt sich ein plötzliches
Auftreten so vieler Krebsfälle in Fukushima noch vor
Ablauf der vierjährigen Latenzzeit nicht erklären. Die
Ergebnisse der Schilddrüsenuntersuchungskampagne
in Japan mögen zwar histologisch glaubwürdig sein,
jedoch ist die Verlinkung der Krebsfälle zum Reaktor-
unfall von Fukushima vorerst zu hinterfragen.
Auch eine aktuelle Studie nährt diese Zweifel: Sie
ergab, dass die Mehrzahl der in Fukushima beobachte-
ten Schilddrüsenkrebsfälle Mutationsarten aufwiesen,
die auf ein anderes onkogenes Profil hindeuten als
jene Fälle nach Tschernobyl
[7]
. Die Autoren schließen
daraus, dass die beobachteten Krebserkrankungen
eine andere Ursache haben müssen. Da nach Tscher-
nobyl die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle nach der
Exposition mit
131
I zunächst linear anstieg, werden
Untersuchungen in den kommenden Jahren zeigen, ob
ein Zusammenhang zwischen den Freisetzungen und
der Krebsinzidenz in Fukushima besteht und wenn ja,
welcher. Nach Tschernobyl gab es die meisten Neu-
erkrankungen 10 bis 12 Jahre nach dem Unfall.
Sichere Lebensmittel
Die japanischen Behörden widmeten unmittelbar
nach dem Unfall ihre ganze Aufmerksamkeit der
Lebensmittelsicherheit. Bis heute wurden weit mehr
als eine Million Proben auf Radioaktivität getestet. In
der Anfangsphase überschritten vor allem Gemüse
und Rindfleisch die strengen japanischen Grenzwerte
[8]
. Mittlerweile beschränken sich Grenzwertüber-
schreitungen auf bekanntermaßen Cäsium akkumulie-
rende Organismen wie Pilze oder Wildschweine. Das
für Japan wichtige Lebensmittel Reis wird nicht stich-
probenweise untersucht, sondern in eigens gebauten
Detektoren Sack für Sack. Im Jahr 2012 überschritten
von mehr als zehn Millionen gemessenen Säcken 71
den Grenzwert von 100 Bq/kg. Untersuchungen von
zehntausenden Anwohnern mit Ganzkörperzählern
zeigten, dass hohe Inkorporationen nur auftraten,
wenn Personen die strengen Kontrollen durch eigenen
Anbau von Feldfrüchten, das unkontrollierte Sam-
meln von Wildpilzen sowie durch Verzehr von privat
erlegtemWild bzw. selbst gefangenem Fisch um-
gangen. Eine Studie, bei der Duplikate der verzehrten
Mahlzeiten auf ihren Kontaminationsgrad untersucht
wurden, zeigte, dass der Median der Inkorporation im
Dezember 2011 bei 4 Bq Radiocäsium pro Tag lag mit
einer Schwankungsbreite von rund 0,26 bis 17 Bq/d
[9]
.
Nach Tschernobyl lagen diese Werte in den hochkon-
taminierten Gebieten knapp drei Größenordnungen
höher.
Abb. 4
In Solidaritäts-Supermärkten
werden bewusst Produkte aus der Prä-
fektur Fukushima angeboten – selbstver-
ständlich unter strenger Kontrolle.
Georg Steinhauser
2)
vgl. die Infokästen
auf S. 32 in diesem Heft




