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F O R UM

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

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Brozynski

:

Ihnen hilft es, in Ge-

sellschaft von Menschen zu sein,

die ein ähnliches Schicksal ereilt

hat. Ich denke, das gibt ihnen auch

Kraft und Hoffnung, weiterzuma-

chen und das durchzustehen.

Sie haben auch ein Projekt zum

Wiederaufbau unterstützt?

Wunnenberg

:

Wir haben zwei Tage

lang mitgeholfen, ein Gebiet für die

Dekontamination vorzubereiten.

Damit der Boden abgetragen wer-

den kann, mussten wir eine große

Wiese von Bambus befreien.

Muss man dabei noch Schutz­

kleidung tragen?

Wunnenberg

:

Nein, wir trugen

normale Alltagskleidung und ledig-

lich Handschuhe, um uns nicht zu

verletzen.

Brozynski

:

Wir hatten Messgeräte

dabei und die haben eine Umge-

bungsstrahlung registriert, die etwa

vergleichbar ist mit Hannover.

Japan hat generell eine sehr geringe

natürliche Umgebungsstrahlung

und das Ziel ist es, praktisch alle

Gebiete wieder in den Zustand vor

dem Nuklearunfall zurückzufüh-

ren. Aber würde man sich daran

orientieren, dürfte man Hannover

oder einige skandinavische Länder

nicht besiedeln, weil die Strahlen-

belastung dort viel höher ist.

Haben Sie auch das zerstörte

Kraftwerk gesehen?

Wunnenberg

:

Nein, etwa 5 bis 7 km

entfernt davon steht ein Sperrzaun,

an dem man nicht vorbeikommt.

Welchen Programmpunkt fan­

den Sie am spannendsten?

Wunnenberg

:

Jeden Tag gab es ein

Highlight. Ich fand es sehr span-

nend, in der Notunterkunft mit den

Leuten zu sprechen.

Brozynski

:

Für mich waren die

Dekontaminationsarbeiten interes-

sant. Die Japaner tragen die oberste

Schicht des Bodens ab, weil sich das

Radionuklid

137

Cs in der tonigen

Erde anreichert. Die abgetragene

Erde verpacken sie in heuballen-

große schwarze Säcke.

Wunnenberg

: Und die sieht man

praktisch überall.

Liegen die einfach in der Ge­

gend herum?

Brozynski

:

Hinter Zäunen. Geplant

ist, diese Stapel mit einer Plane

abzudecken und Erde und Gras

darüber zu legen. Für die nächsten

100 bis 150 Jahre werden die so da

liegen bleiben.

Die Japaner haben ein sehr

strenges Schutzprogramm…

Brozynski

:

Ja, sehr streng und

restriktiv. Deswegen warten die

Menschen auch so geduldig darauf,

dass sie wieder in ihre Heimatorte

zurückkehren dürfen.

Was sind die größten Schwie­

rigkeiten, mit denen die Leute

zu kämpfen haben?

Brozynski

:

Vor allem die Stigmati-

sierung. Es gibt viele Vorurteile im

In- und Ausland. Einige Menschen

sind auch sehr unsicher. Eine Frau

hat mich im Vertrauen gefragt, ob

es nicht doch gefährlicher ist, als

die Regierung sagt. Sie hatte gehört,

dass eine Schulklasse aus Südkorea

nicht nach Fukushima-City fahren

durfte und dachte nun, die wüssten

mehr als sie. Fukushima-City liegt

rund 60 km vom Kraftwerk ent-

fernt, dort ist die Strahlenbelastung

nicht erhöht. Ich fand es traurig,

dass den Menschen unberechtigte

Sorgen so zu schaffen machen.

Wie haben Sie selbst während

Ihres Besuchs gelebt?

Wunnenberg

:

Die meiste Zeit

waren wir im Hotel in Fukushima-

City untergebracht. Aber die zwei

Tage, an denen wir die Freiwilligen-

arbeit geleistet haben, haben wir in

Gastfamilien übernachtet.

Haben Sie dort etwas vom japa­

nischen Alltag miterlebt?

Wunnenberg

:

Leider nicht. Wir

haben nur morgens und abends

gemeinsam gegessen. In meiner Fa-

milie konnten die Leute auch wenig

Englisch. Das war etwas mühselig.

Die Leute haben vieles nicht ver-

standen, waren aber zu höflich, um

das zuzugeben.

Haben Sie auch über den Tsu­

nami gesprochen?

Wunnenberg

:

Sie haben erzählt,

dass beim Erdbeben alles aus den

Regalen gefallen ist, und der Vater

meinte, dass es ihn sehr traurig

macht, die zerstörten Häuser zu se-

hen. Es war aber sehr schwierig, das

aus ihm herauszukriegen.

Gab es Dinge, die Sie über­

rascht haben?

Wunnenberg

:

Ich hatte nicht

gewusst, dass es immer noch

komplette Städte gibt, in denen nie-

mand wohnt.

Brozynski

:

Dass seit 2014 kein

einziger Sack Reis mehr den sehr

niedrigen japanischen Grenzwert

überstiegen hat, es wird nämlich

jeder einzelne vermessen. Reis und

Sake aus Fukushima kann man be-

denkenlos konsumieren!

Gibt es für Sie ein persönliches

Fazit dieser Reise?

Brozynski

:

Ich sehe immer noch die

Betroffenheit im Gesicht einiger

Leute, die stigmatisiert werden, nur

weil sie noch in Fukushima leben.

Seitdem weiß ich, dass Ignoranz

diesen Leuten schadet. Auch Panik-

mache ist unbegründet.

Wunnenberg

:

Das sehe ich genau-

so. Fukushima ist mehr als dieser

Unfall. Die Gegend dort ist schön

und durchaus lebenswert. Abgese-

hen von dem abgesperrten Gebiet

rund um das Kraftwerk ist es nicht

gefährlich. Ich sehe es jetzt als unse-

re Aufgabe an, Vorurteile aus dem

Weg zu räumen.

In schwarzen Sä­

cken, die in mehre­

ren Lagen über­

einander gestapelt

werden, lagert

kontaminierter

Boden amWeges­

rand.

Peter Brozynski spielt mit einem japa­

nischen Kind in einem Kindergarten in

einer vom Tsunami betroffenen Region.