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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Diese Charakterisierung ist

aber nicht invariant gegen be-

liebige Koordinaten- und affine

Parameter-Transformationen, was

Einstein meisterhaft herausgestellt

hat. Galileis Trägheitsgesetz lautet

„in ausführlicher Formulierung

notwendig so: Voneinander hinrei-

chend entfernte materielle Punkte

bewegen sich geradlinig gleichför-

mig − vorausgesetzt, daß man die

Bewegung auf ein passend bewegtes

Koordinatensystem bezieht und

daß man die Zeit passend definiert.

Wer empfindet nicht das Peinliche

einer solchen Formulierung? Den

Nachsatz weglassen aber bedeutete

eine Unredlichkeit.“

[8]

Eine nichtlineare Koordinaten-

transformation

x

μ

→ x´

μ

und eine

affine Transformation der Zeit

τ → σ

überführt die freie Bewe-

gungsgleichung d

2

x

μ

/

d

τ

2

=

0 in die

Geodätengleichung

d

2

μ

_

___

d

σ

2

+ Γ

μ

νλ

(

ρ

)

d

ν

___

d

σ

d

λ

___

d

σ

=

0,

mit den Christoffel-Symbolen

Γ

μ

νλ

.

Die physikalische Bedeutung dieser

Gleichung hat wieder Einstein glän-

zend charakterisiert

[9]

: „Die Ein-

heit von Trägheit und Gravitation

drückt sich formal dadurch aus,

daß wohl die ganze linke Seite [der

Geodätengleichung] Tensorcha-

rakter hat (in bezug auf beliebige

Koordinatentransformationen),

nicht aber die beiden Glieder ein-

zeln genommen, von denen man

in Analogie zu den Newtonschen

Gleichungen das erste als Aus-

druck der Trägheit, das zweite als

Ausdruck der Gravitationskraft zu

betrachten hätte.“

Ein Vergleich der Geodäten-

gleichung mit der ursprünglichen

Gleichung d

2

x

μ

/

d

τ

2

=

0 zeigt,

dass sich solche (Vierer-)Kräfte

wegtransformieren lassen, die

proportional zu d

μ

/

d

σ

oder bi-

linear in diesem Ausdruck sind.

Bemerkenswert ist die Tatsache,

dass die Lorentzkraft der Elektro-

dynamik die einfachste nicht-weg-

transformierbare Kraft ist. Um der

„Peinlichkeit“ der obigen koordina-

tenabhängigen Charakterisierung

von geraden Linien zu entgehen

(eine rein projektive Fassung des

Bewegungsgesetzes findet sich in

[7]

), kann man sie auch invariant

mithilfe der projektiven Geometrie

charakterisieren

[11]

. Schon Lange

meinte: „In Hinsicht auf die Eleganz

der Systematik mag sich die Mecha-

nik ein Beispiel an der projektiven

Geometrie nehmen.“ Der wesent-

liche Inhalt des Trägheitsgesetzes ist

dann gemäß obigen Analysen das

folgende „Wunder der Natur“: Die

einfachsten und elementarsten Ob-

jekte der Natur, die freien Teilchen,

bewegen sich (bei Vernachlässigung

der Gravitation) auf den mathe-

matisch einfachsten Bahnen in der

Raumzeit, den geraden Linien.

Trägheit allgemeinrelativistisch

Einstein erweiterte das Trägheits-

konzept erheblich durch sein Äqui-

valenzprinzip von 1907: Trägheit

und Gravitation bilden eine Einheit

und sind zumindest lokal äquiva-

lent. Außerdem tragen gemäß dem

Gesetz

E = mc

2

alle Energieformen

zur Trägheit bei. Die obigen Defi-

nitionen von freien Teilchen und

geraden Linien lassen sich auch auf

die Physik in starken Gravitations-

feldern übertragen. Dann gibt es

aber aufgrund der Raumzeit-Krüm-

mung keine physikalischen Objekte

mehr, die sich global auf geraden

Linien bewegen, d. h. es gibt keine

globalen Inertialsysteme mehr.

Für das Trägheits-Konzept von

besonderer Bedeutung sind (nicht-

Newtonsche) Mitführungseffekte,

wie Einstein sie bereits 1913 in einer

Vorläufer-Theorie der Allgemeinen

Relativitätstheorie (ART) berechnet

hatte: Beschleunigte Massen indu-

zieren für Testteilchen und Iner-

tialsysteme parallele Beschleuni-

gungen. So induziert eine rotieren-

de Hohlkugel in ihrem Innern die

aus der nichtrelativistischen Physik

wohlbekannten Coriolis- und Zen-

trifugal-Kräfte

[12]

. Bemerkenswert

ist aber, dass die rotierenden oder

linear beschleunigten Hohlkugeln

beliebig groß sein können und im-

mer noch in ihrem ganzen Innern

eine flache Raumzeit realisieren.

Das hat in

[12]

Anlass dazu gegeben,

ein quasiglobales Äquivalenzprin-

zip zu formulieren, das in Kurzform

lautet: „Jedes Beschleunigungsfeld

kann als Gravitationsfeld verstan-

den werden.“ Kurioserweise hat

Einstein bereits 1912/13 in Dis-

kussionen mit Paul Ehrenfest und

Gustav Mie eine solche „Makro-

Äquivalenz“ in Betracht gezogen,

aber letztlich verworfen.

In irdischen Labors und Satel-

liten sind diese Mitführungseffekte

meist sehr klein. Es gelang jedoch

sie in jüngerer Zeit – neunzig Jahre

nach ihrer theoretischen Voraussa-

ge durch Albert Einstein und Hans

Thirring – an Satelliten auf Bahnen

um die rotierende Erde erstmals

zweifelsfrei zu bestätigen: Die

LAGEOS-Satelliten erleiden eine

kleine Präzession ihrer Knotenlinie

von 0,031 Bogensekunden pro Jahr,

die mit 10 Prozent Genauigkeit

gemessen wurde

[13]

. Die Rotati-

onsachsen von Kreiseln werden

um 0,042 Bogensekunden pro Jahr

nachgeführt, was mit 19 Prozent

Genauigkeit gemessen wurde

[14]

.

Diese Experimente bestätigen zu-

gleich erstmals den nicht-Newton-

schen „Gravitomagnetismus“, der

durch Massenströme entsteht.

Ein kosmologischer Effekt?

Mach hat als erster und sehr dezi-

diert die „Quelle“ der Trägheit in

den kosmischen Massen vermutet,

etwa mit seinem berühmten Satz,

den ich oben zitiert habe. Die

Newtonsche Physik kann auf diese

Machschen Fragen keine Antwort

geben, da in ihr bewegte, beispiels-

weise rotierende Massen keine

zusätzlichen Kräfte bewirken. Das

leistet aber die ART mit ihren Phä-

3)

Viele der in diesem

Beitrag behandelten

Argumente sind mehr

im Detail ausgeführt im

kürzlich erschienenen

Buch

[15]

.

Ludwig Lange wurde am 21. Juni 1863 in Gießen als Sohn

eines Universitätsprofessors geboren. Er lebte lange Jahre

in Tübingen und Heilbronn und starb mit 73 Jahren in Wei-

ßenhof (Württemberg). Lange studierte Mathematik, Phy-

sik und weitere Fächer wie Psychologie in Leipzig und Gie-

ßen und promovierte 1886 zu den Prinzipien der Mechanik.

Sein Leben war stark beeinflusst durch phasenweise De-

pressionen, verbunden mit mehreren Klinikaufenthalten.

Trotz seiner Krankheit publizierte er neben zu Themen der

Physik in Psychologie, Photochemie und der Astronomie

und Kalenderkunde. Eine ordentliche Dauerstellung an

einer Universität blieb dem„zu Unrecht vergessenen“ (Max

v. Laue) Universalgelehrten jedoch zeitlebens verwehrt

[10]

.

L U DW I G L A N G E