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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

einem so schwierigen Gegenstand

nicht so sehr getadelt als vielmehr

durch neue Bemühungen der

Leser erforscht und wohlwollend

ergänzt werden.“ (

[2]

, S. 4) Albert

Einstein schrieb dazu 340 Jahre

später anerkennend, „dass Newton

selbst die seinem Gedankengebäu-

de anhaftenden schwachen Seiten

besser kannte, als die folgenden

Gelehrten-Generationen.“

[3]

Tatsächlich sind aber viele Be-

handlungen des Trägheitsgesetzes

nach Newton und leider auch in den

meisten modernen Lehrbüchern

der logischen Konsistenz bei New-

ton deutlich unterlegen. Oft genug

wird zwar auf den absoluten Raum

verzichtet, aber kein adäquater Er-

satz dafür bereitgestellt. Eine beson-

dere konzeptionelle Schwierigkeit

liegt darin, dass es letztlich nicht

ein

besonders ausgezeichnetes Bezugs-

system gibt, sondern eine unend-

liche Vielfalt, die sich aus der 10-pa-

rametrigen Galilei-Gruppe ergibt.

Oft treten Tautologien und Zirkel-

schlüsse auf, im Gegensatz zu New-

ton wird nicht konsequent zwischen

Definitionen und nichttrivialen

Fakten der Natur unterschieden.

Zudem bleibt ungeklärt, dass New-

tons Gesetze I bis III je eigene und

nichttriviale Naturphänomene be-

schreiben. Zu den Schwierigkeiten,

das Trägheitsgesetz zu vermitteln,

bemerkte bereits Heinrich Hertz in

seinem Mechanik-Lehrbuch von

1894 treffend (S. 8)

1)

, dass es sehr

schwer sei, „gerade die Einleitung in

die Mechanik denkenden Zuhörern

vorzutragen, ohne einige Verlegen-

heit, ohne das Gefühl, sich hier und

da entschuldigen zu müssen, ohne

den Wunsch, recht schnell über die

Anfänge hinwegzugelangen.“ Selbst

in etablierten Lehrbüchern finden

sich unhaltbare Aussagen derart,

dass zumindest die Newtonschen

Gesetze I und II nur Definitionen

seien (z. B.

[4]

, S. 58).

Langes vergessener Beitrag

Ab etwa 1870 haben einige Physiker

substanzielle Kritik an Newtons

absolutem Raum und der absoluten

Zeit geübt und auch Ansätze für

echte Klärungen präsentiert. Der

schärfste Kritiker von Newtons

absolutem Raum war sicher Ernst

Mach, der Trägheit nur bezüglich

anderer Massen konzipiert haben

wollte. Ein charakteristisches Zitat

aus seinem Buch „Die Mechanik

in ihrer Entwickelung“ von 1883

lautet (S. 216)

2)

: „Die mechanischen

Grundsätze können also wohl so

gefasst werden, daß auch für Re-

lativdrehungen Zentrifugalkräfte

sich ergeben. Der Versuch Newtons

mit dem rotierenden Wassergefäß

lehrt nur, daß die Relativdrehung

des Wassers gegen die

Gefäßwände

keine merklichen Zentrifugalkräfte

weckt, daß dieselben aber durch die

Relativdrehung gegen die Masse der

Erde und die übrigen Himmelskör-

per geweckt werden. Niemand kann

sagen, wie der Versuch quantitativ

und qualitativ verlaufen würde,

wenn die Gefäßwände immer di-

cker und massiver, zuletzt mehrere

Meilen dick würden.“

Mach hat aber keine konkrete

Alternative zu Newtons Formu-

lierungen entwickelt. Einen ersten

Schritt in diese Richtung verdanken

wir dem Mathematiker Carl Gott-

fried Neumann, der mit der Bemer-

kung, wir könnten „nämlich jetzt

gleiche Zeitintervalle

als diejenigen

definiren, innerhalb welcher ein

sich selbst überlassener Punkt glei-

che Wegabschnitte zurücklegt“

[5]

Newtons absolute Zeit durch eine

konkrete, experimentelle Anleitung

ersetzt. Merkwürdigerweise hat

Neumann nicht versucht, mit ähn-

lichen Analysen auch Newtons ab-

soluten Raum zu eliminieren. An-

geregt durch Neumann hat Ludwig

Lange (

Infokasten

) im Alter von 22

Jahren in mehreren Arbeiten, unter

anderem in seiner Dissertation von

1886 an der Universität Leipzig, mit

genialen Ideen einen echten Durch-

bruch erzielt. Er definierte erstmals

die heutigen Standard-Begriffe „In-

ertialsystem“ und „Inertialzeit“

[6]

:

n

Definition I

. „Inertialsystem“

heißt ein jedes Coordinatensys-

tem von der Beschaffenheit, daß

mit Bezug darauf

drei

vom selben

Raumpunkt projicierte und dann

sich selbst überlassene Punkte

P

,

P

´,

P´´

− welche aber nicht in einer

geraden Linie liegen sollen − auf

drei beliebigen in einem Punkt zu-

sammenlaufenden Geraden

G

,

G

´,

G´´

(z. B. auf den Coordinatenaxen)

dahinschreiten.

n

Theorem I

. Mit Bezug auf ein

Inertialsystem ist die Bahn

jedes be-

liebigen vierten

sich selbst überlas-

senen Punktes gleichfalls geradlinig.

n

Definition II

. „Inertialzeitscala“

heißt eine jede Zeitscala, in Bezug

auf welche

ein

sich selbst überlas-

sener auf ein Inertialsystem bezo-

gener Punkt (etwa

P

) gleichförmig

fortschreitet.

n

Theorem II

. In Bezug auf eine

Inertialzeitscala ist

jeder beliebige

andere

sich selbst überlassene

Punkt in seiner Inertialbahn gleich-

förmig bewegt.“

Lange bemerkte auch, dass diese

beiden Theoreme imWesentlichen

dasselbe aussagen, einmal bezüglich

des Raums, einmal bezüglich der

Zeit, und sich zu einer kompakten

vierdimensionalen Form zusam-

menfassen lassen. Das Trägheitsge-

setz ist ohnehin eines der wenigen

Gesetze, die in der nichtrelativis-

1)

Online verfügbar auf

bit.ly/1TntbKI

2)

Online verfügbar auf

bit.ly/1KUcU7U

Ernst Mach (1838 –

1916), dessen hun-

dertster Todestag

sich am 19. Februar

dieses Jahres

jährte, war einer

der schärfsten Kri-

tiker von Newtons

absolutem Raum.

Der Mathematiker Carl Neumann (1832

1925) regte den Physiker Ludwig Lange

(1863

1936) zu Überlegungen an, die zur

Definition des Inertialsystems führten.