44
Physik Journal 15 (2016) Nr. 3
© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 1617-9439/15/0303-44
F O R UM
Im Rahmen des Fukushima Am
bassador Program
#)
waren neun
Studierende aus Deutschland und
den USA im Januar zwei Wochen
in Fukushima, darunter Annika
Wunnenberg und Peter Brozynski
von der Uni Hannover. Die Studie
renden besuchten die von Tsunami
und Nuklearkatastrophe betrof
fenen Gebiete und unterstützten
ein Projekt zumWiederaufbau.
Wie haben Freunde und Familie
darauf reagiert, dass Sie nach
Fukushima fahren?
Peter Brozynski
:
Meine Mutter hat
sofort „nein“ gesagt! Viele wissen
zu wenig darüber und stufen die
Situation als gefährlich ein. Wir
haben immer Dosimeter getragen.
Deswegen konnte ich meine Mutter
hinterher beruhigen: Während des
Hin- und Rückflugs habe ich vier-
mal mehr Dosis abbekommen als
während des Aufenthalts!
Annika Wunnenberg
:
Wenn ich
erzähle, dass ich in Fukushima
war, werde ich häufig entsetzt an-
geschaut. Oder es kommen dum-
me Sprüche wie „ach, deswegen
strahlst du heute so.“
Worum geht es beim Ambas
sador Program?
Brozynski
:
Studenten aus dem Aus-
land zusammen mit japanischen
Studenten an die Orte zu brin-
gen, die von dem Erdbeben, dem
Tsunami und dem Nuklearunfall
betroffen waren. In Anlehnung an
das amerikanische 9/11 sprechen die
Japaner vom 3/11.
Was stand auf dem Programm?
Brozynski
:
Wir haben evakuierte
und vom Tsunami zerstörte Ort-
schaften besucht. Außerdem waren
wir in einem Zentrum, in dem
Menschen ihr selbst geerntetes
Gemüse radiologisch vermessen
können. Es gibt zwar Kontrollen für
Lebensmittel, aber die Selbstversor-
gung ist davon ausgenommen.
Wunnenberg
:
Wir waren auch in
einer Notunterkunft, in der Men-
schen seit fünf Jahren auf engem
Raum zusammenleben. Die Stu-
denten bringen dort Farbe in den
Alltag. Wir haben mit den Men-
schen gespielt, uns ihre Geschich-
ten angehört und von uns erzählt.
Wie leben die Menschen dort?
Wunnenberg
:
Das ist eine Contai-
nersiedlung, die speziell errichtet
wurde und die mitten in einem Ge-
werbegebiet steht. Drumherum gibt
es kaum Freizeitmöglichkeiten.
Brozynski
:
Familien haben aber
eigene vier Wände und etwas Pri-
vatsphäre. Am Anfang waren die
Menschen in Stadien untergebracht
ohne fließendes Wasser...
Aber diese Menschen hausen
dort seit fünf Jahren...
Wunnenberg
:
Ursprünglich sollten
sie nur zwei Jahre in der Notunter-
kunft bleiben. Die Menschen
hoffen, dass ihre Heimatstädte in
diesem Jahr wieder freigegeben
werden und sie zurückkehren dür-
fen. Viele müssen dann aber ihre
Häuser abreißen und neu aufbauen.
Wie gehen die Menschen mit
dieser Situation um?
Wunnenberg
:
Die sind sehr traurig.
Ich habe mit einer Frau gespro-
chen, die im Tsunami ihren Mann
und die Kinder verloren hat. Auch
ihr Haus muss abgerissen werden,
trotzdem blickt sie nach vorn.
„Fukushima ist mehr als dieser Unfall.“
Interviewmit zwei Physikstudierenden der Leibniz Universität Hannover,
die am Fukushima Ambassador Program teilgenommen haben.
Maike Pfalz
Japanische Studierende begrüßen die ausländischen Teilnehmer (ganz links Peter
Brozynski und Annika Wunnenberg).
Annika Wunnenberg spricht mit den Menschen in der Notunterkunft.
#)
Informationen zum
Fukushima Ambassador
Program finden sich un-
ter bit.ly/1NOqBVQ




