Background Image
Table of Contents Table of Contents
Previous Page  40 / 116 Next Page
Basic version Information
Show Menu
Previous Page 40 / 116 Next Page
Page Background

S C HW E R P U N K T

40

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

gelangt war und dort zündete. Mittlerweile ist es gelun-

gen, die Brennelemente aus dem Abklingbecken von

Block 4 zu bergen. Zum überwiegenden Teil waren sie

unbeschädigt.

In Block 2 kam es zu keiner außen sichtbaren Zer-

störung des Reaktorgebäudes, auch deshalb, da es nicht

möglich war, Überdruck abzulassen. Der Grund dafür

war, dass bei der Explosion von Block 3 das Ablassven-

til der Venting-Leitung zur Kondensationskammer von

Block 2 beschädigt worden war und sich nicht mehr

öffnen ließ. Zusätzlich beschädigte ein Fassadenteil,

das bei der Explosion des Blocks 1 herausgeschleudert

wurde, die Gebäudehülle von Block 2, sodass Wasser-

stoff entweichen konnte. Am 15. März, fast zeitgleich

mit der Zerstörung des Reaktorgebäudes von Block

4, war ein explosionsartiges Geräusch im Inneren des

Reaktorgebäudes von Block 2 zu hören. Hier dürfte der

Überdruck einen Schaden im Bereich der unterhalb

des Druckbehälters befindlichen Kondensationskam-

mer verursacht haben. Dabei kam es zur schlagartigen

Druckentlastung.

Freigesetzte Radionuklide

Die im Unfall von Fukushima atmosphärisch frei-

gesetzten Radionuklide wurden schlagartig im Zuge

des Ventings sowie bei den Explosionen freigesetzt.

Insgesamt betrugen die in die Luft freigesetzten Ak-

tivitäten (ohne Edelgase) schätzungsweise 520 Peta-

becquerel (PBq,

Infokasten

), wobei die Schwankungs-

breite von 340 bis 800 PBq reicht. Das ist etwa ein

Zehntel der Menge an freigesetzten Substanzen in

Tschernobyl. Die Windbedingungen im Frühjahr 2011

waren zumeist günstig für das bewohnte Festland,

sodass mehr als 80 Prozent der in die Atmosphäre

entwichenen Radionuklide aufs Meer hinaus ge-

langten. Leider führte Niederschlag am 15. März 2011

dazu, dass beträchtliche Mengen an Radionukliden

in einem ca. 40 km langen Streifen in nordwestlicher

Richtung vom Kernkraftwerk aus der Atmosphäre

ausgewaschen wurden und dort zu hohen Depositi-

onen führten (

Abb. 2

). Neue Untersuchungen konnten

anhand des

135

Cs/

137

Cs-Verhältnisses zeigen, dass

dieser charakteristische Kontaminationsstreifen

größtenteils auf Reaktor Nummer 2 zurückgeht

[2]

.

Die Unterschiede in der

135

Cs/

137

Cs-Signatur ergeben

sich aufgrund der unterschiedlichen Betriebsge-

schichte der Reaktoren. Es entbehrt nicht einer ge-

wissen Ironie, dass die medial überaus „wirksamen“

Wasserstoffexplosionen in den Blöcken 1, 3 und 4

nicht annähernd den Schaden angerichtet haben wie

der äußerlich intakte Block 2.

Große Sorge bereitet den Behörden und der Be-

völkerung bis heute die Kontamination des Pazifiks.

Das United Nations Scientific Committee on the

Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR) schätzt

den Eintrag von Radionukliden in den Ozean für

131

I

(Halbwertszeit 8 Tage) auf 10bis 20 PBq (direkt) und

60bis 100 PBq (indirekt) sowie für

137

Cs (Halbwerts-

zeit 30 Jahre) auf 3 bis 6 PBq (direkt) und 5 bis 8 PBq

(indirekt). Der direkte Eintrag bezieht sich auf das

Einsickern oder Einleiten von kontaminiertemWas-

ser, der indirekte Anteil auf jenen Eintrag durch De-

position von radioaktiven Aerosolen auf die Wasser-

oberfläche, das Abregnen über dem Ozean sowie den

Eintrag durch Flüsse. Diese Mengen sind ein Bruch-

teil dessen, was im Zuge der Atomwaffentests des

20. Jahrhunderts in den Pazifik gelangte. Dennoch ist

es wichtig, die Freisetzungen und den Eintrag durch

kontaminiertes Grundwasser genau zu beobachten.

Der Reaktorbetreiber TEPCO bemüht sich, durch eine

Reihe von Brunnen oberhalb der Reaktoren hang-

abwärts fließendes Grundwasser vor dem Kontakt mit

A K T I V I TÄT E N I N R E L AT I O N

Aktivität wird in Becquerel (Bq) angegeben, wobei 1 Bq als

1 Zerfall pro Sekunde definiert ist. Die in Nuklearunfällen

frei gesetzten Aktivitäten sind häufig in der Größenord-

nung von Petabecquerel (10

15

Bq). Um eine solche Aktivität

zu veranschaulichen, sind folgende Vergleiche hilfreich:

n

Die gesamte Aktivität im Körper eines Menschen beträgt

ca. 10 000 Bq, mit beträchtlichen Schwankungen abhängig

von Geschlecht, Alter, Gewicht, Physis etc. Das ist ähnlich

viel wie die Aktivität eines Gramms

238

U, allerdings ohne

die Folgeprodukte.

n

Die Freigrenze von

60

Co beträgt 10

5

Bq; die von Tritium

(

3

H) 10

9

Bq.

n

Ein Gramm

226

Ra hat eine Aktivität von ca. 3,7 · 10

10

Bq, so

war die inzwischen veraltete Einheit Curie definiert.

n

Ein Liter der hochaktiven flüssigen Abfälle der Wieder-

aufarbeitung von nuklearem Brennstoff besitzt eine Aktivi-

tät von rund 10

14

Bq.

n

Die in den 1960er-Jahren häufig verwendeten thermo-

elektrischen Isotopenbatterien für Satelliten und Raum-

fahrtmissionen basierten unter anderem auf

238

Pu mit Akti-

vitäten von 10

14

bis 10

15

Bq.

4 3 2 1

5 6

Japan Ministry of Land, Infrastructure and Transport

Abb. 1

Das Kernkraftwerk Fukushima

Daiichi besteht aus sechs Blöcken, von

denen die Blöcke 1, 2 und 3 zum Zeit-

punkt des Erdbebens in Betrieb waren.