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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Fruchtbarkeit des Bodens nicht abgenommen. In der

oberen Bodenschicht verlagerte sich

137

Cs, während der

wasserlösliche Anteil stark absank.

Im Rapssamen findet sich hauptsächlich

137

Cs,

wohingegen

90

Sr eher in die restlichen Pflanzenteile

übergeht. Für beide Isotope gelang es, die derzeitigen

Grenzwerte zur Gewinnung technischer Produkte

wie Öl einzuhalten und die Pflanzen ohne Einschrän-

kung zu verwenden.

2)

Nach der Ölproduktion ver-

bleibt Schlamm, in dem sich Aktivitäten von knapp

600 Bq/kg durch

137

Cs und bis zu 67 Bq/kg durch

90

Sr

finden. Dieses Material dient als Basis, um Biogas zu

gewinnen. Bei gleichzeitiger Produktion von 800 bis

1000 kg Biodiesel und 3000 m

3

Biogas pro Hektar und

Jahr nimmt die gesamte Kontamination als Neben-

effekt um etwa 0,1 Prozent ab. Bezogen auf den für

Pflanzen verfügbaren Teil des

137

Cs beträgt die Reme-

diation immerhin rund 17 Prozent pro Jahr.

Bei diesen Arbeiten in Zone 2 ist es erforderlich, die

Produkte zu überwachen und den Strahlenschutz der

Beschäftigten sicherzustellen. Zur Erprobung werden

weitere Nutzpflanzen angebaut, u. a. Silbergras, schnell

wachsende Weidesorten und Artischocken.

Biosphäre in Reaktornähe

Eine Wiederbesiedlung oder landwirtschaftliche

Nutzung der am höchsten kontaminierten Gebiete in

der CEZ ist derzeit nicht geplant. Das Ministerium

für Ökologie und natürliche Ressourcen der Ukra-

ine erarbeitet dagegen seit 2013 gezielte Pläne, ein

Biosphärenreservat in der CEZ einzurichten. In den

kontaminierten Gebieten der CEZ haben sich Flora

und Fauna nicht nur von den frühen Schädigungen

durch lokal extrem hohe Strahlenbelastungen erholt.

So paradox dies erscheinen mag, entwickelt sich in

der CEZ ein einzigartiges ökologisches Schutzsystem,

weil der Mensch keinen Einfluss mehr nimmt (

Abb. 4

).

Zahlreiche internationale Forschungsprojekte, auch

außerhalb der Radioökologie, nutzten bereits diese

„ungestörte“ Naturlandschaft.

Vor diesem Hintergrund erscheint es konsequent,

ein offizielles Reservat einzurichten. Das Reservat soll

knapp 2300 km

2

von CEZ und Zone 2 umfassen. Dabei

bleiben die Industriekomplexe des ehemaligen Kern-

kraftwerks, der Abfallentsorgungskomplex „Vector“

sowie der Lagerbereich für radioaktive Abfälle „Burya-

kivka“ und einige weitere Komplexe mit über 320 km

2

ausgenommen (

Abb. 5

). Die Grenzen der heutigen CEZ

bleiben erhalten; allerdings werden der rechtliche Sta-

tus und der praktische Umweltschutz gestärkt.

Die Einrichtung des Biosphärenreservats soll helfen,

die natürlichen Bedingungen des Ökosystems der Po-

lissya Region zu bewahren und gleichzeitig die Barri-

erefunktion der CEZ zu erhalten und auszubauen. Ein

weiteres Ziel besteht darin, das hydrologische Regime

zu stabilisieren und die kontaminierten Gebiete zu re-

habilitieren. Innerhalb des Biosphärenreservats ist ge-

plant, das Umweltüberwachungssystem zu verbessern

sowie nationale und internationale Forschungsvorha-

ben zu unterstützen.

Umgeben von Flächen des Biosphärenreservats be-

findet sich der Reaktorblock 4, den zukünftig der New

Safe Confinement einhüllen soll. Massive ausländische

Subventionen hauptsächlich von EU-Mitgliedsstaaten

finanzieren zurzeit die Errichtung dieser „Shelter“. Sie

soll den Reaktorblock 4 und den inzwischen maroden

Sarkophag einschließen und langfristig einen Rückbau

ermöglichen. Etwa 750 km

2

des Reservats bilden die

sog. „Conservation Area“. Hier sollen Forschungs-

aktivitäten gemäß nationaler Gesetze stattfinden.

Außerdem wird es möglich sein, Vorrichtungen zum

Schutz vor Waldbränden und Löschwassertanks zu

errichten und Schädlingsbekämpfung durchzuführen.

Während Maßnahmen zum Schutz und zur Stabilisie-

rung des Grundwassers gestattet sind, wird jegliche Art

wirtschaftlicher Nutzung untersagt sein. Pufferzonen

mit einer Fläche von etwa 700 km

2

umgeben diesen

Bereich. Sie schützen vor Bränden und dienen der

Forschung und Ausbildung. Darüber hinaus umfasst

das Reservat Flächen für wirtschaftliche Aktivitäten, in

denen Landnutzung, Forstwirtschaft und Wassernut-

zung möglich sind, die aber bei der Rehabilitation der

kontaminierten Flächen helfen.

Mit dem Gesetz blickt das Ministerium in die Zu-

kunft, indem es Maßnahmen zur potenziellen Wieder-

herstellung so genannter „anthropogener Landflächen“

des Biosphärenreservats zu einem späteren Zeitpunkt

in Aussicht stellt. Zunächst aber soll gemeinsam

mit Belarus unter Einbeziehung der dortigen kon-

taminierten Gebiete ein transnationales, insgesamt

5000 km

2

umfassendes Reservat entstehen. Dieses Re-

servat „Polesskiy“ soll Teil des UNESCO-Programms

„Man and Biosphere“ sein, das zum Ziel hat, das Ver-

hältnis von Menschen zu ihrer Umwelt zu verbessern.

Abb. 5

Das geplante Biosphärenreser-

vats spart u. a. Industriekomplexe des

ehemaligen Kernkraftwerks aus (rot).

Die „conservation area“ (dunkelgrün)

dient allein der Forschung und ist von

Pufferzonen (hellgrün) umgeben. Wirt-

schaftliche Aktivitäten wie Forstwirt-

schaft oder Landnutzung sollen der Re-

habilitation der kontaminierten Flächen

dienen (orange).

Ministry of Ecology and Natural Resources of Ukraine

2)

Die Grenzwerte be-

tragen für

137

Cs

600 Bq/kg und für

90

Sr

200 Bq/l. Zum Vergleich:

Die EU empfiehlt als

Grenzwert für die Akti-

vität von

137

Cs in Milch-

produkten 350 Bq/kg

und für alle anderen Er-

zeugnisse 600 Bq/kg

[14]

Diese Werte dienen der

Herstellung der Versor-

gungssicherheit bei

großflächig kontami-

nierten Gebieten. Diese

Gefahr hat in Deutsch-

land zu keiner Zeit be-

standen.