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34

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

z. B. Verwitterung, radioaktiver Zerfall, Migration von

Radionukliden in tiefere Bodenschichten und gege-

benenfalls die Veränderung der Oxidationszustände,

welche die Bioverfügbarkeit beeinflussen. Der folgende

kurze Exkurs zeigt die Komplexität des Verhaltens von

Radionukliden in der Umwelt und die Schwierigkeit,

Mobilitäten und Bioverfügbarkeiten vorherzusagen.

Mobilität und Verfügbarkeit der Radionuklide

Durch die Analyse von Bodenproben aus Prypjat las-

sen sich Tiefenprofile von

137

Cs,

241

Am sowie Plutoni-

umisotopen erstellen (

Abb. 3

). Die Stadt liegt etwa vier

Kilometer vom Kraftwerk entfernt mitten in der CEZ.

Dennoch ist die Deposition der Radionuklide sehr

inhomogen, wie der Vergleich zweier Proben mit etwa

einem Meter Abstand zeigt. Die Proben werden zu-

nächst gammaspektroskopisch auf

137

Cs und

241

Am un-

tersucht. Der Gehalt an Plutonium folgt aus der Alpha-

spektrometrie. Die ursprünglich hoch kontaminierten

Böden sind mit weniger kontaminiertem Material

bedeckt, und die anfangs nur oberflächliche Depositi-

on ist bereits in tiefere Bodenschichten migriert. Dies

gilt nicht nur für

137

Cs, sondern auch für Plutonium,

dessen Isotope erwartungsgemäß alle gleich schnell

migrieren. Aktuelle Arbeiten widmen sich der Frage,

ob auch Kleinstbodenlebewesen die Bodenschichten

verlagern können.

Eine zusätzliche Information ergibt sich aus dem

Signal von

241

Am. Das dreiwertige Americium ist nor-

malerweise mobiler als das unter Umweltbedingungen

vierwertige Plutonium und sollte schneller in tiefere

Bodenschichten migrieren. Zur Americium-Aktivität

in tieferen Bodenschichten tragen zwei Prozesse bei:

die direkte Migration und die Nachbildung aus dem

Beta-Zerfall von

241

Pu. Da mit tieferen Schichten das

Verhältnis von Plutonium zu Americium abnimmt,

überwiegt der zweite Prozess (

Abb. 3

). In tieferen Bo-

denschichten bildete sich viel weniger

241

Am nach, weil

241

Pu sehr langsam migriert und durch seine kurze

Halbwertszeit von 14,3 Jahren der größte Teil auf dem

Weg in tiefere Bodenschichten zerfällt. Dies gilt nicht

für die langlebigeren Isotope

238

Pu,

239

Pu und

240

Pu.

Auch Verwitterung spielt eine wichtige Rolle: Plu-

tonium lag im Brennstoff ursprünglich vierwertig

vor. Diese Oxidationsstufe ist chemisch inert, kaum

wasserlöslich und wenig mobil. Verwitterungsprozesse

führen durch Oxidation zu fünf- und sechswertigem

Plutonium. Unter Umweltbedingungen ist es nicht lan-

ge stabil, hat aber kurzfristig eine erhöhte Mobilität zur

Folge, die auch größer sein kann als für das dreiwertige

Americium.

In offenem Gelände wie Feldern und Wiesen füh-

ren Dekontaminationsmaßnahmen sowie die oben

betrachteten Prozesse dazu, dass sich Radionuklide

verlagern und immer weniger in Pflanzen und in die

weitere Nahrungskette gelangen. Dadurch sinken die

höchsten Beiträge zur effektiven Dosis, die sich aus

der Aufnahme von

137

Cs über Milch, Fleisch und ei-

nige Gemüsesorten ergeben, in den meisten Gebieten

unter die zulässigen Grenzwerte. Anders ist es bei in

Wäldern geernteten Pilzen, Beeren sowie beim Fleisch

dort lebender Wildtiere. Diese sind nach wie vor hoch

Abb. 3

Zwei Bohrkerne, die eine Länge

von 30 cm und einen Durchmesser von

3,8 cm haben, ergeben jeweils zehn Teil-

proben mit Dicken von 2 bis 4 cm. Ver-

gleicht man die Aktivitäten der Teilpro-

ben aus beiden Bohrkernen, zeigen sich

sehr heterogene Tiefenprofile für die

Plutoniumisotope sowie

137

Cs und

241

Am.

In den Teilproben aus 9 bis 12 cm Tiefe

findet sich die maximale Aktivität aller

Plutoniumisotope: Diese Schicht ent-

spricht wohl der Erdoberfläche vor 30

Jahren. Darüber liegt eine recht dicke

Schicht organischen Materials, in der die

Aktivität von

137

Cs erhöht ist.

0

50

100

150

200

250

300

350

0

1000

2000

3000

4000

5000

6000

7000

Spezifische Aktivität von 241 Am,

238

Pu und

239,240

Pu in Bq/kg

Tiefe in cm

Tiefe in cm

Bohrkern 2

0

2

4

6

8

0

2

4

6

8

Verhältnis von 241 Am

zu

238

Pu

0

0

100

200

300

400

500

600

2 0

4 6 9 12 15 18 22 26 30

2 0

4 6 9 12 15 18 22 26 30

Spezifische Aktivität von

137

Cs in Bq / kg

2000

4000

6000

8000

10000

12000

Bohrkern 1

241

Am

239,240

Pu

238

Pu

137

Cs

241

Am

239,240

Pu

238

Pu

137

Cs