Background Image
Table of Contents Table of Contents
Previous Page  31 / 116 Next Page
Basic version Information
Show Menu
Previous Page 31 / 116 Next Page
Page Background

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 1617-9439/16/0303-31

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

31

S C HW E R P U N K T

Die Auswirkungen der nuklearen Katastrophe von

Tschernobyl sind auch heute noch zu spüren: Große

Flächen um das ehemalige Kraftwerk weisen nach wie

vor hohe Kontaminationen mit Radionukliden auf.

Die Natur hat sich weitgehend von den akuten Schä-

den erholt, sodass ein einzigartiges Ökosystem ohne

Einfluss des Menschen entstanden ist. In der Ukraine

gibt es erste Versuche, die kontaminierten Gebiete

wieder zu nutzen.

A

m 26. April 1986 kam es in Reaktorblock 4 des

Kernkraftwerks Tschernobyl in der heutigen

Ukraine zum schwerwiegendsten Unfall in der

zivilen Nutzung der Kernenergie

[1]

. In einem Test

sollte geprüft werden, ob die Rotationsenergie der Tur-

binen zur Energieversorgung des Reaktors ausreicht,

bis Notstromaggregate anspringen. Bei dem RBMK-

Reaktor (Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalmy

– Hochleistungsreaktor mit Kanälen) handelt es sich

um einen graphitmoderierten Siedewasserreaktor. Das

Spaltmaterial befindet sich in Druckröhren, die das

Kühlwasser durchströmt. Wechselnde Lastanforde-

rungen im Vorfeld des Tests führten zu einem äußerst

instabilen Zustand des Reaktors, der den Abbruch des

Test erfordert hätte.

Um den Test fortzuführen, überbrückte das Perso-

nal aber vorsätzlich sicherheitsrelevante Einrichtungen.

Fehleinschätzungen des unzureichend geschulten

Personals sowie Designschwächen dieses Reaktortyps

– insbesondere ein Ansteigen der Reaktorleistung bei

Dampfblasenbildung und die Bauart der Abschalt- und

Regelstäbe – führten zu einer sprunghaften Leistungs-

exkursion bis zum Sechzigfachen der Nennleistung

innerhalb weniger Sekunden. Infolgedessen explo-

dierte der Reaktor, sprengte die 3000 Tonnen schwere

Reaktordeckplatte ab und fing Feuer. Durch eine

fehlende weitere druckfeste Sicherheitsbarriere lag der

zerstörte Reaktorkern frei, sodass es durch den Brand

zu einem massiven Austrag radioaktiven Materials in

bis zu mehrere Kilometer Höhe kam. Erst zehn Tage

später gelang es, den Brand zu löschen und den Reak-

tor vorläufig abzudecken. In dieser Zeit wurden je nach

Isotop zwischen ein und fünfzig Prozent des radioak-

tiven Inventars, insgesamt etwa 5300 PBq, freigesetzt.

Der größte Anteil entfiel auf flüchtige Stoffe wie die

Isotope der Edelgase Xenon und Krypton sowie

129m

Te

und

132

Te, mehrere Iodisotope,

134

Cs und

137

Cs (

Abb. 3

auf Seite 41). Vom radioaktiven Strontium wurden

etwa drei bis fünf Prozent emittiert, von den schwer

flüchtigen Elementen sowie den Actiniden Uran, Nep-

tunium, Plutonium und Americium etwa ein Prozent.

Wechselnde Winde verteilten die flüchtigen Stoffe über

weite Teile Europas

[2]

. Regenfälle wuschen die radio-

Tschernobyl – 30 Jahre danach

Ist eine Nutzung der kontaminierten Gebiete wieder möglich?

ClemensWalther, Peter Brozynski und Sergiy Dubchak

R E A K T O R U N F Ä L L E

K O M PA K T

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl führte zu Kon-

taminationen in großen Teilen Europas.

Die Gebiete um das ehemalige Kernkraftwerk werden

engmaschig überwacht. Die Daten helfen auch dabei,

besser zu verstehen, wie sich Radionuklide langfristig in

der Umwelt verhalten.

Um eine Wiederbesiedelung der kontaminierten Gebie-

te vorzubereiten, laufen Pilotprojekte zur Erzeugung

und Verarbeitung von Biokraftstoffen aus Raps.

Die Einrichtung eines Biosphärenreservats soll garantie-

ren, dass die vom Menschen seit dreißig Jahren unbe-

einflusste Natur weiter erforscht wird, während sich die

kontaminierten Gebiete von den akuten Auswirkungen

des Unfalls erholen.

Prof. Dr. Clemens

Walther

,

Peter

Brozynski,

Institut

für Radioökologie

und Strahlenschutz,

Leibniz Universität

Hannover, Herren-

häuser Str. 2, 30419

Hannover;

Dr. Sergiy Dubchak

,

State Ecological

Academy of Post-

graduate Education

and Management,

V. Lypkivsky Str. 35,

03035 Kyiv, Ukraine

Als der Brand im Reaktorblock 4 des

Kernkraftwerks Tschernobyl nach zehn

Tagen gelöscht ist, zeigt sich das ganze

Ausmaß der Zerstörung.

picture alliance / AP Images