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F O R UM

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

27

Fusionsreaktor für das Jahr 2016

und schätzte die Kosten des Auf­

baus auf fünf Milliarden Euro ab.

3)

Die Vereinbarung beschreibt die

Aufgaben und regelt die Zusam­

menarbeit von ITEROrganisation,

ITERRat und nationalen Behörden

während der drei Abschnitte Bau,

Nutzung und Stilllegung der Anlage

(

Abb. 3

). Sie beruht auf dem Leitge­

danken, dass alle Partner gleichbe­

rechtigt zu den wissenschaftlichen

und technischen Entwicklungen

beitragen und die Komponen­

ten des Fusionsexperiments ge­

meinsam bauen (

Tabelle

). Dieser

Leitgedanke und die vielstufigen

Entscheidungsstrukturen zwischen

den Institutionen verzögerten den

Ablauf des Projekts nachhaltig und

erhöhten die Kosten. Noch hat der

ITERRat keinen neuen Zeitund

Kostenplan offiziell verabschiedet.

Fusionsforscher wie Sibylle Günter

halten 2025 für einen realistischen

Zeitpunkt, zu dem die Anlage in

Betrieb gehen könnte. Die Kosten

sind noch schwerer einzuschätzen,

weil jede nationale Behörde auf

eigene Rechnung zu ITER beiträgt.

Klar ist, dass jede weitere Verzöge­

rung die Kosten in die Höhe treibt,

allein weil die Preise für Baustoffe

wie Beton und Stahl steigen. Der

Anteil der Europäischen Union er­

gibt hochgerechnet Gesamtkosten

zwischen 13 und 17 Milliarden Euro.

Kritische Stimmen

Das ist viel Geld für ein Projekt,

bei dem nicht feststeht, ob es wirk­

lich den erhofften Durchbruch

in der Fusionsforschung bringt.

Kritische Stimmen drängen daher

zum Abbruch: Die Fraktion der

Grünen im EUParlament fordert

in schöner Regelmäßigkeit, die

Arbeiten an ITER einzustellen.

In ihrer Argumentation schert

die Fraktionsvorsitzende Rebec­

ca Harms dabei allerdings gerne

Kernspaltung und Kernfusion über

einen Kamm.

4)

Auch namhafte

Physiker äußern sich kritisch. Der

PhysikNobelpreisträger Georges

Charpak schrieb kurz vor seinem

Tod 2010 einen offenen Brief in der

französischen Tageszeitung Libéra­

tion, in dem er forderte, die Mittel

sollten lieber der Entwicklung

von Kernkraftwerken der vierten

Generation zugute kommen.

5)

Die

eine Forschungsrichtung gegen die

andere ausspielen will Matthias

Bartelmann, Vorstandsmitglied der

DPG, dagegen nicht: Über die Er­

forschung der Kernfusion sollte der

Ausbau anderer Energiequellen wie

Erdwärme oder Solarenergie nicht

in Vergessenheit geraten. Er kri­

tisiert vor allem, dass Fusionsfor­

scher ihre Arbeiten als Entwicklung

der Energiequelle von morgen an­

preisen, obwohl es sich dabei noch

immer um zielgerichtete Grund­

lagenforschung handele.

Neben den gestiegenen Kosten

erregte vor allem das Management

des Projekts viel Unmut. Die in

zweijährigem Rhythmus stattfin­

dende Evaluation fiel 2014 so ka­

tastrophal aus, dass der ITERRat

sie nur seinen Mitgliedern und den

höchsten ManagementEbenen

der ITEROrganisation zugänglich

machte. Um die Fehlentwicklungen

zu stoppen und das Vertrauen der

Partner zurück zu gewinnen, wurde

Abb. 2

Der fast 30 Meter hohe Tokamak

ITER ist mit großer Detailfülle in einer

3D-Simulation realisiert, um u. a. Arbeits-

abläufe beim Aufbau zu erproben.

ITER

Abb. 3

Die Verwaltung des Großforschungsprojekts

ITER ist kompliziert: Die ITER-Organisation arbeitet

eng mit den eigenständigen Nationalen Behörden

zusammen. Entscheidungsträger ist der ITER-Rat.

Nationale Behörden

ITER China

EU: Fusion for Energy

ITER India

ITER Japan

ITER Korea

ITER Russia

US ITER

ITER-Organisation

Executive Board

Projektteam

Vakuum

Projektteam

Gebäude

Projektteam

Kryotechnik

ITER-Organisation

Project Control Office

Central Integration Off.

Construction Dep.

Plant Engin. Dep.

Science & Op. Dep.

Finance & Proc. Dep.

Human Res. Dep.

Tokamak Engin. Dep.

General-

direktor

Relations

Coord. Off.

Chief Op.

Officer

ITER-Rat

Vertreter der Partnerländer

3)

Eine Liste aller Mei­

lensteine von ITER fin­

det sich unter

www.iter

.

org/proj/itermilestones

4)

www.grueneeuropa.

de/euatomfor­

schung6502.html

5)

Vollständiger Text in

französischer Sprache:

bit.ly/1KTkC2i