Background Image
Table of Contents Table of Contents
Previous Page  25 / 116 Next Page
Basic version Information
Show Menu
Previous Page 25 / 116 Next Page
Page Background

F O R UM

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 1617-9439/15/0303-25

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

25

D

ie Provence im Süden Frank­

reichs ist vor allem bei Tou­

risten bekannt: Die Kombination

aus mildem mediterranen Klima

und reizvollen Landschaften lockt

jedes Jahr mehrere Millionen Besu­

cher an. Seit mehr als zehn Jahren

geht es auch im beschaulichen Ort

SaintPaullèsDurance immer

internationaler zu. Allerdings sind

es weniger Touristen als Physike­

rinnen und Physiker, die den Ort

besuchen. Und sie kommen nicht

zum Urlaub, sondern um die Fu­

sionsforschung voranzutreiben.

Denn unweit des französischen

Kernforschungszentrums Cada­

rache, in dem sich etwa 5000 Mit­

arbeiter vor allem mit Kernspaltung

beschäftigen, entsteht der Interna­

tional Thermonuclear Experimen­

tal Reactor (ITER). Noch ist das

Großexperiment nicht mehr als

eine riesige Baustelle – mehrere

hohe Baukräne in tief ausgeho­

benen Baugruben vermitteln einen

Eindruck davon, wie aufwändig

es ist, die Energiequelle unserer

Sonne auf die Erde zu holen. Dass

dies machbar ist, soll ITER zeigen.

Dabei ist die Anlage nur ein Schritt

zu nahezu unbegrenzt verfügbarer

und „sauberer“ Energie aus Kern­

fusion – zahlreiche technische

Herausforderungen warten auf dem

langen Weg (lat. iter) vom Fusions­

experiment zum Fusionskraftwerk,

das die neue Energiequelle auch

kommerziell nutzen könnte.

Die Idee, die Fusion von Wasser­

stoff zu Helium als Energiequelle

zu nutzen, stammt bereits aus den

1950erJahren. Etwa zeitgleich

entwickelten Lyman Spitzer in den

USA sowie Andrei D. Sacharow

und Igor E. Tamm in der UdSSR

Konzepte, um ein Plasma aus

Deuterium und Tritium in einem

Magnetfeld einzufangen. Ein toroi­

dales und ein poloidales Feld halten

die Teilchen auf geschlossenen

Bahnen. Das poloidale Feld entsteht

im Stellarator durch die Geometrie

der Magnetspulen; im Tokamak

wird es im Plasma induziert. Beide

Konzepte werden heute noch ver­

folgt.

1)

Bei Temperaturen von 150

Millionen Kelvin – zehnmal heißer

als im Innern der Sonne – entsteht

durch Kernfusion Helium. Dabei

wird Energie frei, die in Form von

Wärme eine Dampfturbine mit

Stromgenerator antreiben könnte.

Der instabile Brennstoff Tritium

soll direkt im Fusionsreaktor aus

Lithium entstehen. Rechenbei­

spiele zeigen, dass das Deuterium

aus einer Badewanne voll Wasser

und das Lithium aus einer Laptop­

Batterie ausreichen, um auf diese

Weise genug Energie zu gewinnen,

um eine Familie 50 Jahre lang mit

Strom zu versorgen. Die technische

Umsetzung ist aber anspruchsvoll

– beispielsweise treten die hohen

Plasmatemperaturen in unmittel­

barer Nachbarschaft supraleitender

Magnetspulen auf, die bei Tempera­

turen von wenigen Kelvin betrieben

werden. Ob es mit ITER tatsächlich

gelingt, zehnmal mehr Energie zu

erzeugen, als zum Heizen des Plas­

mas nötig ist, bleibt abzuwarten.

Momentan entsteht auf dem

42 Hektar großen ITERGelände

die nötige Infrastruktur, um die

Komponenten des Tokamak zu­

sammenzufügen. „Bei jedem Be­

such sieht es hier anders aus“, stellt

Sibylle Günter, Direktorin des Max­

PlanckInstituts für Plasmaphysik

(IPP), erfreut fest. Die Dimensi­

onen des Großprojekts zeigen sich

auf den ersten Blick: Eindrucksvoll

ragt das Stahlskelett der 60 Meter

hohen und fast 100 Meter langen

Fertigungshalle auf, das teilweise

schon mit einer spiegelnden Au­

ßenschicht verkleidet ist. In dieser

Halle werden an die neun Teile des

Plasmagefäßes jeweils zwei supra­

leitende Magnetspulen montiert,

bevor ein Kran die vorinstallierten

Teile in das benachbarte Tokamak­

Gebäude zur endgültigen Montage

Von der Vision zur Fusion

In Südfrankreich entsteht das Fusionsexperiment ITER. Die Anlage ist für Generaldirektor

Bernard Bigot mehr als ein internationales Großforschungsprojekt.

Kerstin Sonnabend

Im Zentrum der Baustelle von ITER wächst die Be-

tonhülle in die Höhe, die später das Vakuumgefäß

des Fusionsexperiments umgibt. Das unterste der

sieben Stockwerke wird gerade fertiggestellt.

ITER

1)

Das IPP betreibt als

einziges Institut weltweit

Anlagen beider Typen:

Wendelstein 7X und

ASDEX Upgrade. Vgl.

Dossier „Fusionsfor­

schung“

www.prophy

­

sik.de/phy/physik/dos­

sier.html?qid=8688061