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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Gedächtnis des Dämons endlich,

kommt es am Ende zu einem Über-

fluss an angesammelter Informati-

on über die Geschwindigkeit jedes

Teilchens. Dann muss der Dämon

seinen Speicher löschen, um kon-

tinuierlich weiterarbeiten zu kön-

nen – eine Aktion, für die er Arbeit

aufwenden muss. Diese Arbeit ist

mindestens so groß wie die Wärme,

die man aus dem Sortiervorgang

gewinnt. In diesem Sinne ist der

zweite Hauptsatz wieder vollstän-

dig gültig. ImWesentlichen sagt

Landauers Prinzip aus, dass Infor-

mation eine physikalische Größe ist

[5]

. Unklar bleibt aber, wer oder was

den Speicher überschreibt. Ist dazu

ein weiterer Dämon erforderlich?

Forscher haben diese konzepti-

onellen Rätsel kürzlich wieder auf-

gegriffen und autonome Systeme,

also in sich geschlossene Einheiten,

vorgeschlagen

[2, 6, 7]

. Schon vor

80 Jahren fand Leo Szilard den

Gedanken an eine metaphysische,

menschenähnliche Gestalt, die den

Maxwellschen Dämon betreibt,

unangenehm. Seiner Meinung nach

sollte es möglich sein, ein mecha-

nisches System zu finden, das wie

ein Maxwellscher Dämon funktio-

niert, aber den Gesetzen der Physik

gehorcht

[8]

. In den letzten Jahren

hat diese Idee viel Aufmerksamkeit

erregt und zu einer Reihe theore-

tischer Modelle geführt

[9, 10]

.

sentlichen, dass die Entropie des

Universums niemals abnimmt. Da

diese sehr allgemeine Aussage nur

schwerlich auf spezielle Situationen

anwendbar ist, gibt es verschiedene

andere Formulierungen. Dazu

gehören die von Clausius, dass

sich Wärme nicht von kalten zu

warmen Regionen transportieren

lässt, ohne Arbeit zu verrichten,

oder die Aussage von Carnot, dass

der maximale Wirkungsgrad einer

Wärmemaschine durch den Car-

not-Wirkungsgrad gegeben ist

[2]

.

Jetzt stellt sich die Frage, ob diese

Aussagen nur das mittlere Verhal-

ten eines Systems beschreiben, des-

sen Eigenschaften vom Verhalten

vieler Teilchen abhängen, oder ob

diese Aussagen auch auf einzelne

Teilchen anwendbar sind. Um diese

Frage zu klären, schlug Maxwell

1867 sein Gedankenexperiment vor,

das die Formulierung von Clausius

verletzt

[3]

.

Maxwells Dämon war sofort

eine Quelle der Faszination und

führte zu vielen wichtigen Ergeb-

nissen, darunter die Entwicklung

der thermodynamischen Theorie

der Information. In den 1960er-

Jahren erkannte der IBM-Forscher

Rolf Landauer, dass die zusätzliche

Arbeit, die aus der Tätigkeit des

Dämons erwächst, auf Kosten der

Umgebung des gesamten Systems

aus Gas und Dämon geht

[4]

. Ist das

I

n der Frühzeit der Thermo-

dynamik sorgten die Formulie-

rungen des zweiten Hauptsatzes für

einiges Kopfzerbrechen. Denn es

war nicht ganz klar, ob diese allge-

meingültig sind oder ob sich physi-

kalische Systeme finden ließen, die

den zweiten Hauptsatz verletzen.

Um dieses Problem genauer zu ver-

stehen, ersann James Clerk Maxwell

ein Gedankenexperiment, das Lord

Kelvin später den „Maxwellschen

Dämon“ taufte – ein Name, der sich

bis heute gehalten hat. Maxwell

betrachtete zwei Behälter mit einem

gasförmigen Teilchengemisch,

die durch eine Wand voneinander

getrennt sind. Ein „geschicktes We-

sen“, das die Geschwindigkeit jedes

Teilchens bestimmen kann, sitzt

an einer kleinen Tür in der Wand

und sortiert die Teilchen, indem es

die Tür so öffnet und schließt, dass

schnelle Teilchen nur auf die eine

Seite gelangen, langsame nur auf

die andere. Dieser Sortiervorgang

transportiert Wärme von einem

kalten in ein heißes Reservoir.

Auf den ersten Blick scheint die-

ses Gedankenexperiment den zwei-

ten Hauptsatz der Thermodynamik

zu verletzen. Aber dieses Paradoxon

löst sich auf, wenn man realisiert,

dass Arbeit am Dämon zu verrich-

ten ist, damit dieser seine Aufgabe

erfüllen kann. Zwangsläufig führt

eine solche Deutung ein weiteres,

nicht notwendigerweise physika-

lisches System ein, das die Arbeit

am Dämon verrichtet. Gerade des-

wegen kann eine solche Erklärung

nicht befriedigen. Jukka Pekola und

seine Kollegen der Aalto University

in Finnland haben nun eine Nano-

apparatur gebaut, die äquivalent zu

einem Maxwellschen Dämon ist

(

Abb. 1

), deren Funktion aber nicht

durch externe Kontrolle getrieben

wird

[1]

. Diese Apparatur ist damit

vollständig in sich geschlossen und

die erste Realisierung bisher rein

theoretischer Modelle eines auto-

nomen Dämons.

Der zweite Hauptsatz der

Thermodynamik besagt imWe-

Den Maxwellschen Dämon bannen

Mit Hilfe supraleitender Elektronik ist nun der 100 Jahre alte Traum

eines autonomen Maxwellschen Dämons Realität geworden.

1.

2.

3.

4.

a b

Abb. 1

Beim autonomen Maxwellschen

Dämon besteht das „System“ aus einer

Zelle mit einem Elektron, die mit einem

externen Potential verbunden ist. Der

Dämon überwacht die Ladung in der

Zelle. Wenn ein Elektron (blau) eintritt,

fängt der Dämon es unverzüglich durch

das Anlegen einer positiven Ladung ein

(a). Wenn ein Elektron die Zelle verlässt,

stößt es der Dämon durch eine negative

Ladung ab (b). Dabei handelt es sich um

das elektronische Äquivalent zum Öff-

nen und Schließen der Tür in Maxwells

Gedankenexperiment.

aus [1]

Dr. Sebastian Deff-

ner

, Theoretical Divi-

sion and Center for

Nonlinear Studies,

Los Alamos National

Laboratory, Los Ala-

mos, NM 87545, USA