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Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Systeme bis in das Quantenregime

auszudehnen

[7]

.

In den jüngsten Experimenten

ist die mechanische Membran

jeweils Teil eines Kondensators

in einem supraleitenden Mikro-

wellen-Schwingkreis (

Abb. 1

). Die

mechanische Bewegung modu-

liert die Resonanzfrequenz des

Schwingkreises

ω

c

, die in zwei der

Experimente bei 6 GHZ liegt

[5, 6]

.

Dadurch entstehen Seitenbänder

bei der mechanischen Frequenz

ω

m

,

die hier 4 bis 15 MHz beträgt. Im

Photonenbild sind die Seitenbänder

äquivalent zur Stokes- und Anti-

Stokes-Raman-Streuung in der

Atomphysik, bei der das einfallende

Strahlungsfeld durch Kopplung an

Bewegungszustände unelastisch

gestreut wird und dem System

Energie zu- oder abführt. Treibt

ein externes Mikrowellenfeld, das

um die mechanische Frequenz ne-

gativ verstimmt ist (

ω

c

ω

m

), den

Schwingkreis an, verstärkt dies die

Anti-Stokes-Raman-Streuung re-

sonant. Das Strahlungsfeld führt in

dem Fall mehr mechanische Ener-

gie ab, als der Stokes-Prozess zu-

führt. Dieser Vorgang ist äquivalent

zur Seitenband-Laserkühlung von

Ionen, die seit den 1970er-Jahren

bekannt ist.

Alle drei Experimente nutzen

diesen Effekt und zeigen – ausge-

hend von einer Umgebungstem-

peratur von 10 bis 30 mK bzw. von

einer thermischen Besetzungszahl

sierte Interferometer zur Beobach-

tung von Gravitationswellen noch

genauer zu machen

[2]

. Die mecha-

nischen Bewegungsgrößen sind im

Fall von Laserlicht Amplitude und

Phase. Experimentell entsteht ein

gequetschter Zustand durch nicht-

lineare optische Prozesse, bei denen

die Phase des Lichts intensitätsab-

hängig wird

[3]

. Formal entspricht

das der Kopplung zwischen Erzeu-

gungs- und Vernichtungsoperator

des Strahlungsfeldes.

Nun konnten drei Forscherteams

vom Caltech, von der Aalto Uni-

versity in Finnland und vom NIST

erstmals gequetschte Quanten-

zustände der Bewegung von mikro-

mechanischen Resonatoren erzeu-

gen

[4 – 6]

. Die Resonatoren sind

mechanisch schwingende Mem-

brane, die nur 100 Nanometer dick

sind und einen Durchmesser von

mehreren 10 Mikrometern haben.

Aus Sicht der Quantenphysik sind

das makroskopische Systeme, bei

denen etwa 10

12

Atome kollektiv

zur Bewegung des Schwerpunkts

beitragen. Durch Kopplung an

optische oder Mikrowellenfelder,

beispielsweise indem das mecha-

nische Element Teil eines Resona-

tors für das Strahlungsfeld wird,

lassen sich die mechanischen

Systeme mit etablierten Methoden

der Quanten- und Atomoptik ma-

nipulieren. Dadurch ist es in den

letzten zehn Jahren gelungen, die

Kontrolle über mikromechanische

Q

uantenphysiker sind bekannt

für kreative Namensgebung.

Ein wunderbares Beispiel ist das

„Quetschen“ von Quantenfluk-

tuationen, etwa bei Bewegungs-

größen wie Ort und Impuls. Der

Hintergrund ist folgender: Auch

nahe des absoluten Nullpunkts

kommt ein harmonischer Oszillator

nicht ganz zum Stillstand. Viel-

mehr dominiert die Nullpunkts-

energie

ħω/

2 die Bewegung,

sodass die Erwartungswerte von

Orts- und Impulsmessungen mit

einer Varianz Δ

x

=

________

ħ

/(2

m

.

ω

) und

Δ

p

=

________

ħ

.

m

.

ω/

2 fluktuieren. Das

Produkt Δ

x

. Δ

p

=

ħ/

2 erfüllt die

Heisenbergsche Unschärferelation

exakt – die Bewegungszustände

besitzen minimale Unschärfe. Soll

ein Oszillator als Sensor dienen,

bestimmen die Quantenfluktuatio-

nen die Messgenauigkeit. Außer es

gelingt, die Fluktuation einer der

beiden Größen unter die Unschärfe

der Nullpunktsfluktuation zu re-

duzieren, idealerweise zu beliebig

kleinen Werten. Da die Unschärfe-

relation nach wie vor gilt, kann das

nur auf Kosten der anderen Größe

geschehen – wie bei einem Luftbal-

lon, der beim Zusammendrücken in

der einen Richtung kleiner wird, in

der anderen größer. Dieser Vorgang

heißt Quetschen („Squeezing“).

Seinen modernen Ursprung hat

das Quetschen in der Quantenoptik

[1]

, wo es u. a. darum geht, laserba-

Quantenmechanik mit leichten Quetschungen

Drei Forschergruppen haben erstmals gequetschte Quantenzustände

von mikromechanischen Resonatoren erzeugt.

Abb. 1

Im Experiment werden die rot

und blau verstimmten Pumpfelder bei

Raumtemperatur herausgefiltert und bei

tiefen Temperaturen so abgeschwächt,

dass nur noch das Schrotrauschen eine

Rolle spielt. Der optomechanische

Schwingkreis ist thermisch mit einem

Mischkryostaten verbunden. Die Signale

werden verstärkt und mit einem Spek-

tral- oder Netzwerkanalysator gemessen.

Spektral-

analysator

Netzwerk-

analysator

Kryostat

aus [4]

Abb. 2

Lichtmikroskopische Aufnahme

des Schwingkreises (grau Aluminium,

blau Siliziumsubstrat. Der mikromecha-

nische Plattenkondensator in der Mitte

ist von einem Spiralinduktor und weite-

ren Kondensatoren umgeben.

50 μm