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16

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

R

eibung zwischen Festkörpern

hält die Welt um uns herum

zusammen. Sie sorgt dafür, dass wir

laufen können, dass Schraubver-

bindungen halten und dass Dünen

nicht in sich zusammen fallen. Eine

Reibungskraft

F

R

entsteht, wenn

zwei Körper mit einer endlichen

Normalkraft

F

N

gegeneinander drü-

cken. Die Normalkraft heißt auch

Last und hat unterschiedliche Ur-

sprünge: Bei Schraubverbindungen

wandelt die wendelförmige Geome-

trie die Kraft beim Verschrauben

in Normal- und Axialkraft um. Bei

trockenen Dünen entsteht die Nor-

malkraft zwischen den Sandkör-

nern durch das Gewicht der weiter

oben liegenden Körner. Wenn wir

am Strand eine Burg aus feuchtem

Sand bauen, bilden sich Kapillar-

brücken zwischen den Körnern aus,

die anziehend und daher wie Nor-

malkräfte wirken.

Erste systematische Studien der

Reibung hat bereits Leonardo da

Vinci vor mehr als fünfhundert

Jahren durchgeführt

[1]

. Etwa zwei-

hundert Jahre später formulierte

Amontons die mathematische

Formel

F

R

=

μ

·

F

N

. Reibungskraft

F

R

und Normalkraft

F

N

sind über

den Reibungskoeffizienten

μ

mit-

einander verknüpft – diese Formel

begegnet uns bereits in der Schule.

Das Erstaunliche am Amontons-

schen Gesetz ist, dass die Reibungs-

kraft nicht von der scheinbar kon-

taktierenden Fläche abhängt. Heute

wissen wir, dass dies auf mikrosko-

pische Oberflächenrauigkeit zu-

rückzuführen ist

[2]

: Lediglich ein

paar Rauheitsspitzen der kontaktie-

renden Flächen sind in atomarem

Kontakt, als ob zwei Berglandschaf-

ten kopfüber aneinander drücken

würden (

Abb. 1

). Nimmt die Last

F

N

zu, wird die Oberfläche elastisch

deformiert: Die Rauheitsspitzen

nehmen ab, und die Fläche

A,

an

der sich die Körper tatsächlich

berühren, steigt proportional zu

F

N

an

[3]

. Wenn eine konstante me-

chanische Spannung

τ

nötig ist, um

zwei sich berührende Festkörper

gegeneinander zu bewegen, ergibt

sich eine Reibungskraft

F

R

=

τ

·

A

.

Weil die Fläche

A

proportional

zur Last

F

N

ist, folgt wiederum das

Amontonssche Gesetz.

Ohne eine Normalkraft oder

Last gibt es daher keine oder nur

geringe Reibungskräfte. Legt man

die Seiten zweier Telefonbücher

nach und nach ineinander und

versucht dann, die Bücher an ihren

Buchrücken auseinanderzuziehen,

ist dafür aufgrund der Reibung ei-

ne endliche Kraft nötig. Nicht nur

ihre eigene Gewichtskraft presst die

einzelnen Seiten dabei unter Zug

zusammen, denn diese vermeint-

lich lose Verbindung hält enormen

Kräften stand: In Fernsehsen-

dungen wie den französischen

Cobayes

#)

und den amerikanischen

Mythbusters

+)

halten zwei Telefon-

bücher beispielsweise das Gewicht

eines Autos (

Abb. 2

). Hector Alarcón

und Kollegen zeigten nun in syste-

matischen Studien, dass Bücher mit

fünfzig bis hundert Seiten Kräfte

halten können, die weit größer als

Kilonewton sind

[4]

.

Die enormen Kräfte entstehen

durch die Geometrie des Versuchs

und lassen sich durch das Amon-

tonssche Gesetz erklären. Zwei

Bücher, deren Seiten ineinander

verzahnt sind, sind dicker als ihr

jeweiliger Einband (

Abb. 1

). Zieht

man nun an den Buchrücken,

werden die einzelnen Seiten nicht

parallel zu dieser Kraft, sondern

unter einemWinkel

α

aus dem

Verbund gezogen. Damit spaltet

sich die aufgebrachte Kraft – ähn-

lich der schiefen Ebene oder der

Schraubverbindung – geometrisch

zu einer Tangentialkraft und einer

Normalkraft auf (

Abb. 1

). Die Geo-

metrie des Buchs macht also einen

Reibung unter Zugzwang

Die Geometrie ineinander geschlagener Buchseiten verstärkt Reibungskräfte bei Zugbelastung.

Abb. 1

Legt man die Seiten zweier Bü-

cher ineinander, sind diese dicker als je-

der Einband (a). Die Buchseiten liegen

dann nicht parallel aufeinander, sondern

in einem nach außen größer werdenden

Winkel

α

. Eine Zugkraft

F

spaltet geome-

trisch in zwei Komponenten auf (b). Der

Kontakt der Seiten erfolgt nur über die

Spitzen der rauen Oberfläche und ist auf

die Fläche

A

beschränkt (c).

a

b

c

F

F

F

F

A

F

N

F

N

α

#)

Das Video findet sich

unter bit.ly/20VsERo

+)

www.discovery.com/

tv-shows/mythbusters/

videos/phone-book-fric-

tion

Abb. 2

In der fran-

zösischen Fern-

sehsendung „On

n‘est pas que des

cobayes!“ hängt

ein Auto an der

vermeintlich losen

Verbindung zwei-

er Telefonbücher.

France 5 & 2p2l/www.france 5.fr