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B R E N N P U N K T

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

21

des mechanischen Oszillators von

40 bis 50 Phononen – eine Laser-

kühlung auf etwa 0,1 bis 0,2 Pho-

nonen, also in den Quanten-

grundzustand der mechanischen

Bewegung. Da das in den Resonator

gestreute Strahlungsfeld Informati-

on über die mechanische Bewegung

enthält, lassen sich daraus – unter

Kenntnis der Systemdynamik – die

Varianzen Δ

x

und Δ

p

rekonstru-

ieren und indirekt die minimalen

Unschärfen des Grundzustands

bestimmen. Der zweite wichtige

Prozess ist die resonante Erhö-

hung der Stokes-Raman-Streuung

durch Treiben des Schwingkreises

bei

ω

c

+

ω

m

. Dadurch kommt es

zu korrelierten Anregungen von

Photonen des Resonatorfelds und

Phononen der mechanischen Be-

wegung. In der Quantenoptik ist

diese Wechselwirkung als „Down-

Conversion“ bekannt und dient

beispielsweise zur Erzeugung von

Verschränkung.

Laufen beide Prozesse gleich-

zeitig ab, d. h. pumpt man den

Schwingkreis mit beiden verstimm-

ten Mikrowellenfeldern gleichzeitig

(

Abb. 1

), resultiert eine Wechselwir-

kung, die den mechanischen Erzeu-

gungs- und Vernichtungsoperator

miteinander koppelt. Das ist die

Grundvoraussetzung für gequetsch-

te Zustände. Allerdings „versteckt“

sich die Quetschung im Grundzu-

stand dieser Wechselwirkung und

kommt erst durch Laserkühlung

ans Licht: Dazu muss das rot ver-

stimmte Pumpfeld, das für die La-

serkühlung verantwortlich ist, eine

höhere Leistung haben als das blau

verstimmte Pumpfeld. In den Ex-

perimenten lag das Verhältnis bei

10 : 1 bis 1,5 : 1. In anderen Worten:

Man kühlt das mechanische System

in den gequetschten Grundzustand.

Diese Idee des „Reservoir Enginee-

rings“ wurde vor über 20 Jahren zur

Quantenkontrolle einzelner Ionen

vorgeschlagen und realisiert

[8]

. Die

Ausweitung auf mikromechanische

Resonatoren

[9]

ist ein experimen-

teller Meilenstein in der Quanten-

kontrolle massiver Objekte.

Die beiden Forscherteams um

Keith Schwab am Caltech und

Mika Sillanpää in Aalto haben mit

sehr ähnlichen experimentellen

Systemen eine Quetschung um

jeweils rund 20 Prozent (1 dB) der

Nullpunktsfluktuationen erzeugt.

John Teufel und seine Kollegen am

NIST erzielten vergleichbare Wer-

te, konnten aber mit einer neuen

Messmethode zudem die Null-

punktsfluktationen messen und die

Quetschung damit absolut kalibrie-

ren. Sie erreichen dies durch einen

zweiten Mikrowellenresonator

mit Resonanzfrequenz

ω

c2

, der an

denselben mechanischen Resonator

gekoppelt ist. Zwei weitere, gleich-

stark verstimmte Mikrowellenfelder

(

ω

c2

±

ω

m

) erzeugen ein Strahlungs-

feld, das mit der mechanischen Fre-

quenz amplitudenmoduliert und

nur auf eine Quadratur der Bewe-

gung sensitiv ist. Diese Realisierung

einer zerstörungsfreien Quanten-

messung erlaubt es, die minimale

Unschärfe des Grundzustands der

Bewegung direkt zu messen.

In der Optik gelingt es mittler-

weile routinemäßig, Laserlicht um

90 Prozent bzw. 10 dB und mehr

zu quetschen. Das sollte prinzipi-

ell auch mit mikromechanischen

Systemen möglich sein. ImWesent-

lichen limitieren zwei Faktoren die

Experimente: Zum einen wird ein

Teil der Mikrowellenstrahlung im

supraleitenden Material absorbiert,

was die Strukturen bei zu großer

Pumpleistung so sehr aufheizt,

dass die Quetschung verloren geht.

Zum anderen führt mangelnde

Phasenstabilität zwischen den

Pumpfeldern zu einer langsamen

Rotation der Quetschung im Pha-

senraum, wodurch sich der Effekt

im Laufe einer längeren Messung

herausmittelt. Beide Faktoren sind

technischer Natur und sollten sich

im Laufe der Zeit verbessern lassen.

Eine weitere Herausforderung

besteht darin, die Methode auf

optomechanische Systeme zu über-

tragen, die mit Laserlicht getrieben

werden. Bei ihnen ist die Kopp-

lung an die mechanischen Moden

noch geringer. Allerdings gibt es

vielversprechende Strategien, die

Kopplung durch Strukturierung der

mikromechanischen Elemente zu

erhöhen. Dass gequetschtes Licht

die Messempfindlichkeit eines In-

terferometers verbessert, zeigten

Messungen an den Gravitations-

wellendektoren GEO600 und LIGO

[10]

.

#)

Nach den Erfolgen dieser

ersten drei Experimente ist es nur

eine Frage der Zeit, bis auch quan-

ten-„mechanische“ Quetschung

zum Standardwerkzeug einer ver-

besserten Quantensensorik wird.

Markus Aspelmeyer

[1]

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J. Abadie

et al., Nat. Phys.

7

, 962 (2011)

Prof. Dr. Markus

Aspelmeyer

, Fakul-

tät für Physik, Uni

Wien, Boltzmann-

gasse 5, 1090 Wien,

Österreich

Von großen Zahlen

Wie viele Möglichkeiten gibt es, 128

Tennisbälle beliebig anzuordnen? For-

scher aus Cambridge bestimmten die

Antwort: etwa 10

250

. Diese Zahl ist viel

größer als die Zahl aller Teilchen im

Universum. Wichtiger als der Wert ist

die Tatsache, dass es überhaupt ge-

lang, das Problem zu lösen. Es ist we-

der möglich, alle Kombinationen

durchzuspielen noch sie zu speichern,

sodass die Forscher Kombinatorik und

Statistik einsetzten. Anwendungen fin-

den sich z. B. in der granularen Physik

zur Vorhersage von Lawinen.

S. Martiniani

et al., Phys. Rev. E

93

,

012906 (2016)

Von präzisen Uhren

Wissenschaftler der PTB haben zwei

Weltrekorde aufgestellt: Sie senkten

die Messunsicherheit Δ

t

/

t

einer Yb-Uhr

auf 3 · 10

–18

und stabilisierten die Fre-

quenz einer Sr-Uhr auf Δ

f

/

f

= 8 · 10

–17

.

Die Yb-Uhr basiert auf der extrem sch-

malen Resonanz eines einzelnen Yb

+

-

Ions. Die Sr-Uhr funktioniert dank

eines Lasersystems, das thermisch und

mechanisch gegen seine Umgebung

isoliert ist. Die hohe Genauigkeit ist

z. B. nötig, um die Feinstrukturkonstan-

te exakt zu bestimmen.

N. Huntemann

et al., Phys. Rev. Lett.

116

, 063001 (2016) und

A. Al-Masoudi

et

al., Phys. Rev. A

92

, 063814 (2015)

K U R Z G E F A S S T

#)

vgl. dazu den Bild-

kasten auf S. 17