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B R E N N P U N K T

© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Physik Journal 15 (2016) Nr. 3

17

Teil der Zugkraft

F

zu einer Last

F

N

,

welche die einzelnen Buchseiten

sogar zusammenpresst. Dabei pres-

sen die außenliegenden Seiten die

inneren Seiten stärker zusammen,

sodass die inneren Seiten einen

größeren Teil der anliegenden Zug-

kraft tragen. Je stärker die Zugkraft,

desto stärker drücken die Seiten

aufeinander. Damit wächst die Nor-

malkraft an und nach dem Amon-

tonsschen Gesetz auch die Rei-

bungskraft, die nun zu überwinden

ist – die Kraft verstärkt sich selbst.

Alarcón und Kollegen zeigten, dass

die Geometrie tatsächlich entschei-

dend ist: Liegen die Buchseiten ge-

nau parallel zum Buchrücken, sind

die auftretenden Kräfte verschwin-

dend klein.

Nach dem Amontonsschen Ge-

setz ergibt sich keine Reibungskraft,

wenn die Normalkraft verschwin-

det. Damit der selbstverstärkende

Mechanismus funktioniert, muss

auch bei verschwindend kleiner

Normalkraft

F

N

noch eine endliche

Reibungskraft

F

R,0

zwischen zwei

Buchseiten wirken – sonst gleiten

die Seiten immer reibungsfrei

aneinander vorbei. Alarcón und

Kollegen präsentieren eine mathe-

matische Lösung des Problems, in

der die endliche Reibungskraft

F

R,0

als Randbedingung auftaucht. In

ihrer Analyse ist wichtig, dass die

Geometrie der ineinander gescho-

benen Bücher die Randbedingung

verstärkt. Weil innen- und außen-

liegende Seiten unterschiedlich

beitragen, hängt der Verstärkungs-

faktor näherungsweise exponentiell

vom Reibungskoeffizienten

μ

und

der Anzahl der Buchseiten im

Quadrat ab. So verstärken hundert

Buchseiten eine minimale Kraft

F

R,0

von einem Hundertstel Newton um

mehrere Größenordnungen bis zu

Kilonewton.

Die Autoren spekulieren, dass

sich die minimale Kraft

F

R,0

daraus

ergibt, wie die einzelnen Buchseiten

auf ihr Verbiegen elastisch reagie-

ren. Sie folgern, dass dadurch sehr

kleine Zugkräfte eine kleine, aber

nicht verschwindende Last zur Fol-

ge haben. Kräfte in dieser Größen-

ordnung können aber auch anderen

Ursprungs sein: Beispielsweise

wirkt Adhäsion wie eine zusätzliche

Normalkraft und führt damit zu

endlicher Reibung auch ohne Nor-

malkraft. Der Zusammenhalt durch

Adhäsion ist für viele Materialien

nicht vernachlässigbar.

Mechanismen der Kraftverstär-

kung finden sich auch in Seilwin-

den oder -spillen: Die Leine lässt

sich durch kleine Kräfte aufwickeln.

Um sie rutschend von Winde oder

Spill zu ziehen, sind aber enorm

große Kräfte nötig. Mit ihrem Ex-

periment ist es Alarcón und Kolle-

gen gelungen, mittlere Reibungs-

koeffizienten zu messen. Für Papier

zeigt sich dabei, dass die Propor-

tionalität des Amontonsschen Ge-

setzes nicht exakt gilt: Werden die

Lasten immer kleiner, ergeben sich

höhere Reibungskoeffizienten. Die-

se Beobachtung ist konsistent mit

Dr. Lars Pastewka

,

Institut für Ange-

wandte Materialien,

Karlsruher Institut

für Technologie,

Engelbert-Arnold-

Str. 4, 76131 Karlsruhe

Genau hundert Jahre, nachdem Albert

Einstein die Existenz von Gravitations-

wellen vorhergesagt hat, ist es mit den

beiden LIGO-Detektoren in den USA

gelungen, sie erstmals direkt nachzu-

weisen. Dies gab die LIGO-Kollabora-

tion am 11. Februar 2016 in einer Presse-

konferenz bekannt. Das beobachtete

Signal hat eine statistische Signifikanz

von 5,1 Standardabweichungen. Es

stammt von zwei Schwarzen Löchern

mit 29 bzw. 36 Sonnenmassen, die vor

1,3 Milliarden Jahren zu einem einzigen

Schwarzen Loch verschmolzen sind.

Die Masse des neuen Schwarzen Lochs

beträgt etwa 62 Sonnenmassen. Dem-

nach ist im Bruchteil einer Sekunde die

Energie von etwa drei Sonnenmassen

in Form von Gravitationswellen abge-

strahlt worden.

Der Weg zum Nachweis war weit:

Bereits in den 1980er-Jahren schlugen

Rainer Weiss, Kip Thorne und Ronald

Drever LIGO als Detektor für Gravita-

tionswellen vor. Heute gehören mehr

als tausend Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler aus 15 Ländern zu der

Kollaboration, darunter viele deutsche

Forscher, ohne deren technologische

Entwicklungen dieser Nachweis nicht

möglich gewesen wäre.

Ein ausführlicher Artikel folgt in der

Aprilausgabe des Physik Journal. (MP)

B. P. Abbott

et al. (LIGO Sci. Coll. und

Virgo Coll.), Phys. Rev. Lett.

116

, 061102

(2016)

N A C HW E I S N A C H 10 0 J A H R E N

Num.-rel. Simulation: S. Ossokine, A. Buonanno (MPI für Gravitationsphysik),

Wiss. Visualisierung: W. Benger (Airborne Hydro Mapping GmbH)

einem Reibungsgesetz der Form

F

R

=

F

R,0

+

μ

·

F

N

. Hier divergiert der

Reibungskoeffizient

μ

=

F

R

/

F

N

bei

kleinen

F

N

, sodass Reibung auch

ohne Last möglich ist. Reibungs-

gesetze diese Art gelten auch für

andere Materialien wie z. B. Metalle.

Die gewagte Spielerei, ein Auto an

zwei Telefonbüchern in die Luft zu

ziehen, lässt sich mit der Physik der

Reibung recht einfach erklären.

Lars Pastewka

[1]

A. A. Pitenis

,

D. Dowson

und

W. G.

Sawyer

, Tribol. Lett.

56

, 509 (2014)

[2]

F. P. Bowden

und

D. Tabor

, The Friction

and Lubrication of Solids, Oxford Uni-

versity Press (1950)

[3]

B. N. J. Persson

et al., J. Phys. Condens.

Matter

17

, R1 (2005)

[4]

H. Alarcón

et al., Phys. Rev. Lett.

116

,

015502 (2016)