S C HW E R P U N K T
© 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
Physik Journal 15 (2016) Nr. 3
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kontaminiert, da es praktisch nicht möglich ist, Wald-
gebiete zu dekontaminieren. Eine Abnahme ist nur
durch den Zerfall und eine langsame Migration des
137
Cs zu erwarten.
Unmittelbar nach dem Unfall wurden in direkter
Umgebung des Reaktors strahleninduzierte Krank-
heiten bei Tieren sowie das Absterben von Nadelbäu-
men (sog. roter Wald) beobachtet. Unter den heutigen
Bedingungen in der CEZ entwickeln sich Pflanzen je-
doch völlig normal
[12]
. Das jetzige Niveau der ionisie-
renden Strahlung schränkt die Wahl potenzieller Nutz-
pflanzen nicht ein. Allerdings sollte die Weitergabe von
137
Cs in die Nahrungskette möglichst gering sein.
1)
Etli-
che Maßnahmen eignen sich dazu: Erhöht man durch
Düngung die Menge von Kalium im Boden, nehmen
Pflanzen weniger des chemisch homologen
137
Cs auf.
Der Übergang in die Milch verringert sich, wenn man
das Tierfutter mit Cäsium-Bindemittel behandelt.
Während diese Maßnahmen anfangs die Belastung von
Lebensmitteln drastisch reduzieren konnten, ist dieser
positive Trend seit Mitte der 1990er-Jahre – auch we-
gen ökonomischer Probleme – rückläufig.
Generell nimmt die Kontamination durch
137
Cs ab.
Daher erwägen die betroffenen Länder, die Grenzen
und die Nutzung der kontaminierten Gebiete neu zu
organisieren. Etliche Gebiete, die wenige Jahre nach
dem Unfall als gefährlich galten, sind heute wieder
sicher genug, um sie zu besiedeln und zu nutzen. Die
derzeit gültigen Abgrenzungen sind weit restriktiver,
als es aus Sicht des Strahlenschutzes erforderlich wäre
[13]
. In der Ukraine wurde dem mit der Aufhebung von
Zone 4 im Jahre 2015 Rechnung getragen (
Abb. 2
). Für
Bewohner der Zonen 2 und 3 wurden einige Privile-
gien abgeschafft, weil sich die radiologische Belastung
reduziert und es Anstrengungen gibt, ein normales Le-
ben zu ermöglichen, wie folgende Beispiele zeigen.
Biokraftstoffe in Zone 2
Um Zone 2 erfolgreich wieder zu besiedeln, sind wirt-
schaftliche Projekte notwendig, die den Bewohnern
Unabhängigkeit und Perspektiven eröffnen. Die vor
1986 überwiegend landwirtschaftliche Nutzung in
vollem Umfang wieder herzustellen, ist schwierig.
Obwohl auch in einigen Teilen der Zone 2 die Pro-
duktion von Nahrungsmitteln möglich ist, geschieht
dies ausschließlich zum privaten Gebrauch. Dabei
mögen neben dem hohen Aufwand für die Kontrolle
der Lebensmittel auch potenzielle Schwierigkeiten bei
ihrer Akzeptanz und Vermarktung eine Rolle spielen.
Einige innovative Projekte zur wettbewerbsfähigen
Produktion von Gütern sollen die sozioökonomische
Entwicklung anstoßen, die für eine Wiederbesiedlung
notwendig ist. Eines davon ist der Anbau von Pflanzen
für die Nutzung als Energieträger.
Seit 2007 gibt es in Zone 2 das Pilotprojekt „Raps
für die Wiederbelebung des Distrikts Narodychi“.
Auf Böden, die immer noch mit mehr als 555 kBq/m
2
durch
137
Cs kontaminiert sind, werden Nutzpflan-
zen für die industrielle Verwertung angebaut. Der
Rapsanbau verfolgt zwei Ziele: Einerseits wird durch
Aufnahme des
137
Cs in die Pflanze der Boden um ei-
nige Prozent pro Wachstumszyklus dekontaminiert
(Phytoremediation). Andererseits dient der Raps dazu,
Biodiesel und Biogas zu gewinnen.
In der Nähe des wiederbesiedelten Ortes Stare
Sharne wachsen auf einer Fläche von 18 Hektar Plus-
null-Raps und Winterraps, weil es dort noch nicht er-
laubt ist, Nahrungsmittel anzubauen. Im Rahmen eines
japanischen Hilfsprojekts entstand in Narodychi eine
Anlage zur Produktion von täglich bis zu 450 Litern
Biodiesel. Als Pilotanlage dient sie der Forschung und
soll helfen, größere Anlagen zu entwickeln. In Lasky
liefert eine Biogas-Anlage die Energie zur Warmwas-
serversorgung.
Im Rahmen des Versuchsbetriebs ist es möglich,
verschiedene Parameter wie Art und Umfang der Dün-
gung zu variieren und den Einfluss der Bodentypen
zu untersuchen. Will man die Pflanzen später weiter
nutzen, darf nur möglichst wenig Cäsium vom Bo-
den in die Pflanze übergehen. Will man dagegen die
Phytoremediation optimieren, sollte der Transfer in
die Pflanzen so hoch wie möglich sein. Der Versuchs-
betrieb zeigte, dass sich die im Distrikt Narodychi
herrschenden Klimabedingungen für den Rapsanbau
eignen und mit Hilfe von Kalkdüngung gute Ernten
möglich sind. Auch über mehrere Jahre hinweg hat die
1)
Als Abschätzung gilt,
dass eine einmalige Zu-
fuhr von 100 Bq
137
Cs zu
einer effektiven Ein-Jah-
res-Folgedosis von
1,3 µSv führt. Nach
einem Jahr ist das
137
Cs
vollständig ausgeschie-
den. Eine einmalige Ex-
position bleibt daher
höchstwahrscheinlich
folgenlos. Gefährlich ist
der dauerhafte Verzehr
belasteter Lebensmittel.
Abb. 4
Der Blick von einer Straßenbrücke kurz vor Prypjat in
Richtung des Reaktorblocks 4 zeigt, dass sich die Natur zwi-
schen 1997 und 2014 deutlich erholt hat. Von der Anlage des
ehemaligen Kraftwerks ist aufgrund der hohen Bäume nur die
die neu errichtete „Shelter“ zu erkennen, die sich noch neben
dem zerstörten Reaktorblock befindet.
2014
1997




